Im Labor fühlt sich Ayham Walo sehr wohl. Im weißen Kittel kontrolliert er Messwerte und entnimmt Proben. Er beobachtet, wie Kalium, Phosphor und Stickstoff reagieren. Letztlich, sagt Walo, ist doch überall Chemie. Er malt mit den Händen einen Kreis in die Luft. Im menschlichen Körper, im Essen, in der Kleidung: In Ayham Walos Leben dreht sich alles um Atome und Moleküle. Vor einem guten halben Jahr schloss der 24-Jährige seine Ausbildung zum Chemikanten in Gersthofen ab. Wenig später begann er eine zweite Ausbildung: zur Produktionsfachkraft Chemie in Bobingen. Danach will er studieren – obwohl er erst seit fünf Jahren in Deutschland lebt. „Ohne die Jubag hätte ich das nicht geschafft“, sagt er heute.
Kostenlos und ohne Termin: Wer zur Jubag in Augsburg kommen kann
Ayham Walo sitzt an einem Tisch im Café der Jugendberufsagentur (Jubag) in der Augsburger Innenstadt. Er grüßt Mitarbeiterin Bettina Müller. Sie kennen sich schon viele Jahre. 2021 floh Walo vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland Syrien. Nach langer Reise kam er in Augsburg an. Das Beratungscafé der Jubag wurde für ihn zu einer der ersten und wichtigsten Anlaufstellen. Heute schaut er nur noch gelegentlich vorbei. Seine zweite Lehre und die Berufsschule kosten viel Zeit.
Neben Walo sind an diesem Nachmittag vereinzelt Tische besetzt. Bettina Müller hat sich zu einem Jugendlichen gesetzt. Vor ihnen liegt ein Stapel Papiere. Ob es um Bewerbungen geht, Lebensläufe, Mietverträge oder Schreiben von Behörden: die Jubag hilft. Mal geht es um Papierkram mit Behörden, mal um Probleme in der Schule, zu Hause auf der Arbeit oder mit der Gesundheit – psychisch und körperlich: Wer unter 25 ist und seinen Wohnsitz in Augsburg hat, kann zu den Öffnungszeiten im Café vorbeikommen und sich beraten lassen. Ganz ohne Termin. „Das nimmt vielen schon die erste Hürde“, erklärt Tobias Vogt. Mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen steht er den jungen Menschen beratend zur Seite. In der Jubag arbeiten die Bundesagentur für Arbeit, das Jobcenter und das Jugendamt zusammen. Sie unterscheiden nicht: Ist das ein Anliegen für die Arbeitsagentur oder das Jobcenter? „Wir arbeiten hier Hand in Hand.“
Manche Jugendliche begleiten sie über Jahre, andere kommen nur ein Mal
Es gibt junge Menschen wie Ayham Walo, die sie hier über Jahre begleiten. Und es gibt Jugendliche, die kommen einmal und nie wieder. „Sie entscheiden selbst, wie viel Hilfe sie in Anspruch nehmen wollen“, betont Vogt. Die Jugendlichen gehen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Geschichten in die Beratungen. Ayham Walo erfuhr etwa durch einen Besuch im Berufsinformationszentrum von der Jubag. Damals war er erst kurze Zeit in Deutschland. Die Sprache bereitete ihm Probleme, trotz der vielen Deutschkurse. „Die Briefe von den Behörden waren für mich das Schwierigste“, sagt er. In der Jubag bekam er Hilfe.
Mit den Kolleginnen von Tobias Vogt überlegte er, wie seine berufliche Zukunft in Augsburg aussehen kann. Eigentlich, erzählt Walo, wollte er direkt studieren. In Syrien hatte er Abitur gemacht. Aber sein Onkel riet ihm zunächst zu einer Ausbildung. Heute ist der 24-Jährige froh, den Rat befolgt zu haben. „Direkt an die Uni, ohne Deutsch zu sprechen, das wäre sehr schwierig gewesen“, sagt er.
Die Jubag hat mir schließlich gezeigt, wie meine Zukunft aussehen kann.“
Ayham Walo, Auszubildender
Chemie hat ihm schon in der Schule in Syrien gefallen. Also schrieb er in der Jubag mehrere Bewerbungen für eine Ausbildung zum Chemikanten. „Gemeinsam haben wir überlegt, was Ayham für Möglichkeiten hat“, erinnert sich Vogt. Mit Erfolg. Chemikant darf sich Walo bereits nennen. Aktuell lässt er sich in Gersthofen zur Produktionsfachkraft Chemie weiterbilden. Normalerweise dauert die Lehre zwei Jahre. Walo darf aufgrund seiner Vorkenntnisse auf ein Jahr verkürzen. Und dann? Will er endlich studieren, Pharmazie zum Beispiel.
Seit 2019 gibt es das Beratungscafé am Leonhardsberg
Es sind solche Erfolgsgeschichten, die Vogt und seinem Team zeigen, dass ihre Arbeit in der Jubag funktioniert. Seit 2019 gibt es die Beratungsstelle. Nach einer Flaute während der Corona-Pandemie stieg der Beratungsbedarf ab 2022 an. „Seitdem haben wir einen immer größeren Zulauf.“ Das liegt auch an jungen Menschen wie Ayham Walo, die ihren Freunden und Kollegen von dem Angebot erzählen. „Viele holen sich inzwischen auch hier Hilfe“, berichtet Walo.
In den vergangenen Jahren hat er oft darüber nachgedacht, wie es wäre, Augsburg zu verlassen. In eine andere Stadt zu ziehen. „Aber wer hilft mir dann?“, fragt er. So ein offenes Angebot wie die Jubag, da stimmt ihm Tobias Vogt zu, ist selten. „Die Jubag hat mir schließlich gezeigt, wie meine Zukunft aussehen kann.“
Der Beruf in Kürze
- Berufsbild: Produktionsfachkräfte Chemie bereiten nach Rezepturen zum Beispiel Mischungen für Düngemittel, Mineralölprodukte oder Farben zu. Weiter entnehmen sie Proben und führen Laborprüfungen durch.
- Voraussetzungen: Rechtlich ist keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben. In der Praxis hat etwa die Hälfte der Auszubildenden einen mittleren Bildungsabschluss, 30 Prozent hat den Hauptschulabschluss, 16 Prozent die Hochschulreife.
- Ausbildungsvergütung pro Monat: Im ersten Ausbildungsjahr 1147 bis 1204 Euro, im zweiten 1222 bis 1315 Euro.
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