Ingo Schweitzer ist ein erfahrener Anlage-Spezialist. Bei Elon Musk stößt auch der 58-Jährige an die Grenzen seiner analytisch-irdischen Möglichkeiten. So gesteht der dem Vorstand der Kaufbeurer AnCeKa Vermögensbetreuungs AG angehörende Finanz-Experte ein: „Wie soll man vor dem Börsengang von Musks Weltraum-Unternehmen SpaceX die Gewinnaussichten des Konzerns bewerten, wo es doch um Besiedlungspläne für den Mond und den Mars geht?“ Genau diese beiden Planeten ziehen den SpaceX-Chef schon lange magisch an. Aus intergalaktischen Träumen soll auch dank Mega-Einnahmen durch den für den 12. Juni an der US-Börse Nasdaq geplanten Börsengang Wirklichkeit werden.
Musk hebt ab. Das Multi-Talent greift mit dem größten Börsengang aller Zeiten nach den Sternen. Seit Monaten bereitet er sich intensiv auf das Großereignis vor. Es ist ruhiger um den 54-Jährigen geworden, seit er nicht mehr für US-Präsident Donald Trump als knallharter Chef-Kostensenker und herzloser Job-Abbauer wild um sich schlägt. Auch scheint ihm wegen seiner unternehmerischen Verpflichtungen beim Autobauer Tesla und bei SpaceX die Zeit zu fehlen, Parteien am äußersten rechten Rand wie etwa die AfD zu fördern. So hatte der Amerikaner einst in einem Gespräch mit Alice Weidel, der Co-Vorsitzenden der Partei, provokant erklärt: „Nur die AfD kann Deutschland retten. Ende der Geschichte.“
Musk hat im Schnitt 3,6 Millionen Dollar pro Stunde verdient
Dank der Homepage des Unternehmens lässt sich nachvollziehen, in welche Projekte Musk die rund 75 Milliarden US-Dollar, welche der SpaceX-Börsengang einspielen soll, stecken will. Nachdem also Aktien um je 135 Dollar ausgegeben wurden, hat sich Musk fest vorgenommen, zunächst KI-Rechenzentren im Weltraum, ja sogar auf dem Mond, zu errichten, um schließlich mit einer unglaublich anmutenden Mission zum Mars abzuheben. Er will auf dem roten Planeten eine autarke Stadt errichten, in der mehr als eine Million Menschen leben können. Da muss natürlich ordentlich Fracht in den Himmel geschossen werden. Der Raumfahrt-Enthusiast rechnet schon mal vor: „Durch mehr als zehn Starts pro Tag werden letztlich mehrere tausend Starships Besatzung und Ausrüstung transportieren, um eine dauerhafte Präsenz auf einer anderen Welt aufzubauen.“ Er will mit seinen gewaltigen und größtenteils wiederverwendbaren Raketen wie auch mit Raumschiffen eine Kolonie auf dem Mars gründen, was keiner seiner sonst bizarren Witze ist, sondern absurder Ernst. So werben die SpaceX-Leute: „Auf dem Mars ist es zwar ein bisschen kalt, aber wir können es aufwärmen.“
Sollte der Science-Fiction-Fan seine Ideen umsetzen, könnte eine neue Epoche des Kolonialismus ausbrechen. Musk würde zu einer Art Chef-Kolonialist. Wenn er nach dem Börsengang noch wohlhabender ist und mehr finanzielle Mittel als Staaten für die Raumfahrt zur Verfügung hat, stellt sich die Frage, wie mächtig ein Unternehmer werden darf. Wächst Musk den Verantwortlichen in Washington, die wie die chinesischen Machthaber selbst ehrgeizige Mond-Pläne verfolgen, über den Kopf? Muss sein Imperium aus Raumfahrt, effizienten Weltraumraketen, einem äußerst erfolgreichen Satelliten-Geschäft (Starlink), Elektroautos, Anwendungen für künstliche Intelligenz (SpaceXAI) und dem sozialen Netzwerk X zerschlagen werden?
In Hintergrundgesprächen äußern Musk-Beobachter derlei Zerschlagungs-Gedanken, zumal der Unternehmer mit Entscheidungen, welche Länder sein leistungsstarkes Satelliten-System nutzen dürfen, sich zum Herrn über Krieg und Frieden aufschwingen kann. In militärischen Auseinandersetzungen spielt Satellitentechnik eine große Rolle. Musk ist viel mehr als ein normaler Firmeninhaber. Der reichste Mann der Welt, der noch wohlhabender wird, hat sich zum Imperator seines eigenen Landes, man könnte sagen der Musk-Republic, aufgeschwungen. Bei SpaceX soll er nach dem Börsengang der unumschränkte Herrscher bleiben, da seine Aktien deutlich mehr als normale SpaceX-Wertpapiere zählen. Ihn zu entlassen, dürfte kompliziert werden.
Anteile an SpaceX lassen sich schon indirekt erwerben
Interessenten etwa in Deutschland müssen sich gedulden, ehe sie nach dem Weg an den Aktienmarkt SpaceX-Papiere normal erwerben können. Finanz-Profi Schweitzer verweist darauf, dass heimische Interessenten nicht direkt SpaceX-Aktien zeichnen können. Über Umwege funktioniere das schon. Anlegern stünde die Möglichkeit offen, über bereits an der Musk-Weltraum-Firma beteiligte Firmen Anteile zu erwerben, was indes eine indirekte und nicht korrekt bewertbare Investition sei.
Die SpaceX-Macher versprechen derweil vor dem Börsengang potenziellen Anlegerinnen und Anlegern nur das Allergrößte: „Unsere Mission ist es, die Systeme und Technologien zu entwickeln, die notwendig sind, um das Leben multiplanetar zu gestalten, die wahre Natur des Universums zu verstehen und das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen.“ Drunter machen sie es nicht. Für Musk „ist die Zukunft weitaus spannender, wenn wir eine raumfahrende Zivilisation und eine multiplanetare Spezies sind, als wenn das nicht der Fall ist“.
Hebt der Unternehmer endgültig ab? Schließlich glaubt er, dass die von ihm propagierte Zukunft besser für die Menschheit ist als deren Vergangenheit. Die Menschheit solle nicht dasselbe Schicksal wie die Dinosaurier erleiden, die bekanntlich ausgestorben sind. Was soll man von einem Mann halten, der wie ein interplanetarischer Sektenführer die Menschheit vor dem Aussterben bewahren will? Markus Koch, der bekannte Wall-Street-Kenner mit deutschen Wurzeln, sagte nach Durchsicht des SpaceX-Aktienprospekts: „Man muss schon bei diesem größten Börsengang unseres Planeten viel Optimismus mitbringen bei einer Bewertung von 135 Dollar pro Aktie.“ Und Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, fragt sich: „Ist hier bei SpaceX viel Schaum und wenig Bier im Spiel?“ Der langgediente Börsen-Experte kommt doch zum Schluss: „Raumfahrt hat nichts mehr mit Captain Kirk und Raumschiff Enterprise zu tun.“ Es sei ein Geschäft, in dem Musk mit seinen wiederverwendbaren Raketen und dem größten Satellitennetzwerk der Welt gut mitmische. Halver merkt letztlich kritisch an: „Es stört mich, dass SpaceX keine Gewinne macht.“ Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 18,67 Milliarden Dollar einen galaktischen Verlust von 4,94 Milliarden Dollar eingeflogen. Das erinnert an Zeiten des Neuen Marktes in Deutschland, als aufstrebende Tech-Unternehmer vor der Jahrtausendwende keck versicherten, Verluste seien egal, es zähle nur die Fantasie. Am Ende standen diverse fantastische Pleiten.
Ingo Schweitzer, der Vermögensberater aus Kaufbeuren, rät an SpaceX interessierten Anlegern zur Besonnenheit. Sie sollten zunächst ohne Druck beobachten, wie sich die Aktie nach dem Börsengang entwickelt, und sich dann überlegen, ob sie zugreifen sollten. Unter größerem Kaufdruck stünden indes Fondsgesellschaften, die bestimmte Börsen-Indizes nachbilden und sich damit mit dem Weltraum-Papier eindecken müssen. Das könnte den Preis des Wertes antreiben, gibt Schweitzer zu bedenken. Finanz-Analysten sind sich zumindest in einem Punkt sicher: Es dürfte an der Börse kräftig rauf- und runtergehen für SpaceX. Wo Musk ist, wird es immer turbulent.
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