Die Wirtschaft in Bayerisch-Schwaben tritt auf der Stelle. Zum dritten Mal in Folge verzeichnet die Industrie- und Handelskammer Schwaben (IHK) in ihrer Herbst-Konjunkturumfrage keine spürbare Belebung. 29 Prozent der befragten Unternehmen bewerten ihre aktuelle Lage zwar noch als gut. Doch die Erwartungen trüben sich erneut ein: Nur 17 Prozent rechnen mit einer Verbesserung, 18 Prozent mit einer Verschlechterung. Für IHK-Hauptgeschäftsführer Marc Lucassen ist das ein deutliches Zeichen: „Die Dauerkrise hat sich verfestigt. Viele Betriebe kämpfen mit schwacher Nachfrage, hohen Standortkosten und regulatorischen Belastungen, sagt er.
„Wir sehen keine konjunkturelle Erholung, sondern eine Erosion unserer Wettbewerbsfähigkeit. Der heimische Standort bleibt ein Sanierungsfall“, sagt IHK-Präsident Reinhold Braun. „Der politische Reformstau ist das größte Standortrisiko.“ Die fünf zentralen Indikatoren Geschäftslage, Konjunkturerwartungen, Auslandsaufträge, Investitionen und Beschäftigung zeigen sämtlich nach unten. Seit 2022 sinken die Werte kontinuierlich. Der IHK-Konjunkturindex, der die aktuelle Geschäftslage und die Geschäftserwartungen widerspiegelt, steigt nur leicht auf 105 Punkte und bleibt damit deutlich unter dem langjährigen Schnitt von 114.
Besonders kritisch ist aus Sicht der Kammer die Investitionszurückhaltung: Unternehmen investieren kaum noch im Inland – ein Symptom des Vertrauensverlusts in stabile wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen. „Investitionen fordern Vertrauen“, mahnt Braun. Deutschland hat aber wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen geschaffen, die alles andere als vertrauenswürdig sind.
Arbeitsmarkt unter Druck
Die Schwäche der Wirtschaft wirkt sich in unserer Region bereits spürbar auf den Arbeitsmarkt aus. Nur noch 14 Prozent der Betriebe wollen neue Stellen schaffen, 24 Prozent planen einen Abbau. Betroffen sind vor allem Industrie, Großhandel und das Gastgewerbe. „Die Krise erreicht den regionalen Arbeitsmarkt“, so Lucassen. Mit einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent liegt Bayerisch-Schwaben zwar im bayerischen Mittelfeld, doch der Trend zeigt nach oben – der höchste Wert seit 2021. Deutschlandweit kündigen Unternehmen Stellenstreichungen in sechsstelliger Zahl an. Für die IHK Schwaben ist das kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles Problem: hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, Überregulierung und Investitionsschwäche sind die Gründe. „Das ist kein Zyklus, das ist eine Strukturkrise“, so Lucassen.
Auch im internationalen Vergleich zeigt sich die Schwäche deutlich. Deutschland wächst 2025 voraussichtlich um 0,1 Prozent – weniger als jedes andere Industrieland. Der EU-Schnitt liegt bei 1,3 Prozent, die Weltwirtschaft bei drei Prozent. 2026 soll das Wachstum zwar leicht auf 0,9 Prozent steigen, doch Länder wie die USA, Brasilien oder Indien ziehen weiter davon. „Andere rennen, wir stehen“, sagt Lucassen. Seit Jahren stagniert das deutsche BIP pro Kopf, während andere Volkswirtschaften ihre Produktivität steigern.
Das Wort Nachhaltigkeit fällt meist beim Klimaschutz. Die IHK Schwaben richtet den Blick jedoch auf eine übersehene Dimension: die Nachhaltigkeit des Sozialstaats. Und hier hapert es: Seit den 1990er-Jahren steigen die Sozialausgaben deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung, besonders seit 2015 – beschleunigt durch Corona-Hilfen, Energiehilfen und Rentenanpassungen. Während die Wirtschaft stagniert, wachsen die Sozialetats ungebremst. Für die IHK ist das ein Warnsignal: Wenn Ausgaben dauerhaft schneller steigen als das BIP, wird der Sozialstaat selbst zum Nachhaltigkeitsproblem. „Wohlstand bedeutet nicht den fünften Urlaub, sondern verlässliche Infrastruktur, gute Bildung und eine sichere Rente“, sagt Lucassen. Nachhaltigkeit muss ökologisch und ökonomisch gedacht werden, sonst droht langfristig der Wohlstandsverlust. „Wachstum ist Wohlstand“, betont Braun.
Reformstau als Standortrisiko
Deutschland, so die IHK Schwaben, sei „wirtschaftlich ein Sanierungsfall“. Zu hohe Kosten, zu wenig Investitionen, zu viel Bürokratie und eine lähmende Reformträgheit gefährdeten die Wettbewerbsfähigkeit. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, sagt Braun. Staatliche Investitionen müssen die Zukunft sichern, nicht die Gegenwart verwalten.
Die IHK Schwaben ruft zu einer Wirtschaftswende auf – zu mutigen Strukturreformen, marktwirtschaftlichen Prinzipien und innovationsfreundlicher Politik. „Wir jammern nicht, wir machen aufmerksam“, sagt Braun. Die Lage, in der sich Deutschland derzeit befinde, sei alles andere als komfortabel. Denn Stagnation in einer globalisierten Welt bedeutet Rückschritt – und wer zu lange steht, verliert den Anschluss.
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