Stehen die modernen Arbeitsmärkte vor einer Revolution, ähnlich wie es vor mehr als 40 Jahren mit dem Beginn des digitalen Zeitalters der Fall war? Drei Jahre nach dem Durchbruch der generativen Künstlichen Intelligenz (KI), durch die Maschinen auch komplexe und kreative Inhalte erschaffen können, stellt sich diese Frage immer drängender.
Einer Studie des Kreditversicherers Coface und der französischen „Beobachtungsstelle bedrohter und aufsteigender Berufe“ OEM zufolge könnten durch den Einsatz von KI allein in Europa Millionen Jobs wegfallen – und zwar vor allem jene von Hochqualifizierten. „Die nächste Automatisierungswelle trifft Köpfe, nicht Hände“, heißt es in dem Dokument. Während frühere Technologiewellen vor allem körperliche Tätigkeiten oder klar definierte Routinearbeiten im Büro betrafen, gehe die nächste Entwicklungsstufe der KI weit über bisherige Muster hinaus: „Neue Systeme können nicht mehr nur unterstützend wirken, sondern ganze Arbeitsabläufe selbstständig übernehmen.“
Besonders betroffen sind demnach die Bereiche Architektur und Ingenieurswesen, Informatik und Mathematik, Recht, Finanzen, Verwaltung, aber auch kreative Tätigkeiten in den Gebieten Kunst, Design und Unterhaltung. Weniger betroffen sind demnach Berufe, die körperliche Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder zwischenmenschliche Interaktion erfordern: das Handwerk, die Bereiche Pflege, Gastronomie, Landwirtschaft und persönliche Dienstleistungen.
Fast 10.000 Berufe wurden analysiert
In den vergangenen Jahren wurden bereits zahlreiche Studien zu den Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt veröffentlicht, mit jeweils sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Coface und OEM halten sich zugute, eine neue Methodik anzuwenden. Bei ihrer Untersuchung, die 9223 Berufe in fast 30 Ländern analysierte, wurde pro Beruf jede Aufgabe in einzelne Schritte zerlegt, um deren „technologische Automatisierbarkeit“ einzuschätzen. Dabei ging es um eine „prinzipielle technische Machbarkeit“ – nicht um eine Vorhersage, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich wegfallen oder neu entstehen, betonte Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und Co-Autor der Studie.
Zwischen den untersuchten Ländern wurden deutliche Unterschiede festgestellt, die von der jeweiligen Wirtschaftsstruktur abhängen. Der Anteil potenziell automatisierbarer Tätigkeiten reicht von rund zwölf Prozent in der Türkei bis fast 20 Prozent im Vereinigten Königreich. Deutschland liegt aufgrund seiner stark industriell und technisch geprägten Wirtschaft mit 17 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.
Folgen für die gesamte Gesellschaft
Den Autoren der Erhebung zufolge drohen die möglichen Auswirkungen weit über die Arbeitswelt hinauszureichen: „Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte, hochqualifizierte Tätigkeiten betrifft, könnten grundlegende wirtschaftliche und soziale Gleichgewichte ins Wanken geraten.“ Viele Länder stünden vor einer doppelten Herausforderung: sinkende Einnahmen bei zugleich steigenden Ausgaben für soziale Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven.
Auch die Bildungssysteme müssten sich auf diese Veränderungen einstellen. „Wenn klassische akademische Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche Sicherheit bieten, gewinnen Kompetenzen wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang mit komplexen KI-Systemen an Bedeutung“, erklärte Duthoit. Hochschulen und berufliche Bildungseinrichtungen müssten ihre Programme stärker auf Fähigkeiten ausrichten, die KI sinnvoll zu ergänzen, statt mit ihr zu konkurrieren.
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