Landwirtschaft ist kritische Infrastruktur. Diese Ansage des Bauernverbands haben bei der Grünen Woche in Berlin die meisten Politiker geteilt, die sehr zahlreich in die Messehallen kamen. Die Betonung der Rolle der Bauern für die Versorgungssicherheit mag darauf abzielen, mehr Geld für das neue Agrarbudget der EU zu mobilisieren. Das ändert aber nichts am grundsätzlichen Fakt: In Zeiten, in denen die EU immer weniger Partner hat, und andere Staaten Abhängigkeiten ungeniert als Machtmittel gegen sie einsetzen, müssen Berlin und Brüssel die Versorgungssicherheit bei Lebensmitteln garantieren.
Der Protest der Bauern gegen das Mercosur-Abkommen ist dagegen getrieben von Existenzängsten. Ihre Sorge ist, dass künftig auch in der Landwirtschaft die Produktion im großen Stil in Ländern mit niedrigeren Produktionskosten stattfindet. Auf beide Herausforderungen muss die Politik reagieren. Europas Antwort darauf kann aber nicht ein Wettbewerb nach unten und ein Schleifen seiner hohen Standards sein.
Was sich hinter Labels verbirgt, ist oft nicht ausreichend klar
Die Landwirtschaft ist zukunftsfähig, wenn sie ihre natürlichen Grundlagen auf lange Sicht erhält und Nutztiere mit Respekt vor dem Lebewesen behandelt. Die Tierhaltung steht seit Jahren im Zentrum der Debatte. Verbraucher verlangen bessere Bedingungen für die Nutztiere und mehr Informationen über die Haltung. Wie beschwerlich der Weg dahin noch ist, können Besucher der Grünen Woche in der Tierhalle ganz praktisch erleben. Am Beispiel von Rindern wird dort gezeigt, was die bekannte fünfstufige Haltungsform-Kennzeichnung aus dem Handel in der Praxis für die Tiere bedeutet.
Immer drei Tiere teilen sich in einer abgeteilten Box den für die jeweilige Haltungsstufe vorgesehenen Platz – es ist teils erschütternd wenig. Vielleicht könnte es die Bereitschaft zum Kauf von Fleisch aus höheren Haltungsstufen steigern, würden mehr Menschen selbst sehen, welche Konsequenzen ihre Kaufentscheidung für das kurze Leben der Tiere hat. Bei der Herstellung dieser Transparenz gibt es auch im Handel noch viel Luft nach oben. Bislang jedenfalls – und wohl auch in Zukunft – lässt sich der Umbau der Ställe nicht aus den Erlösen an der Ladenkasse finanzieren.
Wer besser produziert, muss das auch offensiv darstellen
Tierhalter fürchten, dass höhere Standards das Aus für ihre Betriebe bedeuten, wenn die Verbraucher stattdessen zu billiger erzeugter ausländischer Ware greifen. Sie verlangen Geld und Rechtssicherheit für den Umbau der Ställe und zum Ausgleich der höheren Betriebskosten. Für all diese Sorgen gibt es aber keine Lösung ohne eine transparente und vertrauenswürdige Kennzeichnung der Tierhaltung und ihrer Produkte.
Die privat organisierte Haltungsform-Kennzeichnung hat wertvolle Vorarbeiten geleistet. Doch sie kann die nötige Transformation des ganzen Systems nicht tragen. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer muss sich jetzt daran messen lassen, ob es ihm gelingt, ein besseres Gesetz auf den Weg zu bringen, das auch verarbeitetes Fleisch, die Gastronomie und Ware aus dem Ausland integriert.
Wer besser produziert, muss den Verbrauchern den Mehrwert auch offensiv verdeutlichen. Dann kann die Auszeichnung auch ein Trumpf im Wettbewerb mit den Mercosur-Staaten sein. Darum darf das eben erneut vom Bundestag verschobene Gesetz zu einer verpflichtenden Haltungskennzeichnung nicht scheitern. Die Betriebe brauchen Unterstützung auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. Sie brauchen faire Wettbewerbsbedingungen. Was sie sicher nicht brauchen, sind noch längere politische Hängepartien.
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