Herr Witt, die Welt, die uns zumindest aus europäischer Perspektive so lange einigermaßen geordnet vorkam, ist binnen weniger Jahre auf den Kopf gestellt worden. Die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus hat diesen Prozess noch einmal beschleunigt. Den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass die verbleibenden drei Jahre von Trumps Amtszeit irgendwie vorbeigehen, ist wahrscheinlich keine gute Strategie, oder?
MICHAEL WITT: Die Grundannahme für so eine Hoffnung wäre ja, dass nach Trump alles besser wird. Aber die Kräfte, die sich in den USA entwickelt und die zu Trump geführt haben, verschwinden ja nicht einfach. Es hat sich eine Mehrheit für Trump ausgesprochen, obwohl man wusste, wofür er steht. Und es ist durchaus möglich, dass nach ihm jemand kommt, der im selben Stil weitermacht. In der Betriebswirtschaft sagen wir immer: Hoffnung ist keine Strategie.
Trump ist also nur ein Zeichen dafür, dass die Welt eine andere ist?
WITT: Was wir heute in den USA sehen, ist viel grundsätzlicher als einfach nur die Person Donald Trump. Weltordnungen brauchen Ordnungsmächte, sonst zerfallen sie. Die Ordnungsmacht im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg war Großbritannien. Spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg haben die USA diese Rolle übernommen. Doch uns ist jetzt diese Ordnungsmacht abhandengekommen. Warum ist das passiert? Zum einen haben sich die Interessen der Amerikaner verschoben. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. Aber hinzugekommen ist, dass die Amerikaner in der Zwischenzeit nicht mehr die geopolitische Stellung haben, die es ihnen erlauben würde, die Weltordnung nach ihren Vorstellungen zu prägen. Chinas Wirtschaft ist in Kaufkraftparitäten gerechnet heute schon ein Viertel größer als die der USA. Die USA sind letztendlich zu dem Schluss gelangt, dass es in ihrem Interesse ist, sich aus der Weltordnung auszuklinken. Das hat man eigentlich schon unter Obama gesehen.
Die Welt, so wie wir sie kannten, kommt also wohl nicht mehr zurück. Aber muss Trumps Art, Politik als Folge von Deals zu betreiben, unbedingt schlecht für die Wirtschaft sein?
WITT: Ganz grundsätzlich erschweren die derzeitigen geopolitischen Entwicklungen schlicht und einfach die wirtschaftliche Arbeitsteilung und Spezialisierung über Grenzen hinweg. Und das bedeutet zunächst einmal weniger Wohlstand für alle, also auch für Deutschland und Bayern. Der Kuchen wird kleiner. Was sich ändern kann, ist die Größe der Kuchenstücke, die sich einzelne Unternehmen herausschneiden können. Vereinfacht gesagt verlieren jene am meisten, die bisher am stärksten von der Globalisierung profitiert haben. Unternehmen, die in Bezug auf ihre Lieferketten und Absatzmärkte eher auf den Binnenmarkt konzentriert sind, können relativ besser dastehen. Aber nur relativ. Denn ob das ausreicht, um den schrumpfenden Kuchen auszugleichen, ist fraglich. Also: Es gibt sicher ein paar Gewinner, aber im Großen und Ganzen verlieren wir alle.
Immerhin verhandeln Brüssel und Washington ja noch über einen Deal. Doch schon länger schwebt die Frage über der deutschen Wirtschaft, was passiert, sollte man sich eines Tages entscheiden müssen: Geschäfte mit den USA oder mit China? Die Antwort scheint heute nicht mehr so klar, oder?
WITT: Ökonomisch betrachtet ist das immer eine Einzelfallfrage. Wenn sie etwa im Textilhandel tätig sind, wird das weder die Amerikaner noch die Chinesen sonderlich tangieren. Wenn sie Halbleiter fertigen, hat man Ihnen, glaube ich, die Entscheidung schon abgenommen. In den wirklich kritischen Bereichen werden die Unternehmen keine Chance haben, sich zu entscheiden. Die Politik wird diese Entscheidungen für sie treffen. Aber auch für den großen Teil der Unternehmen, die eine Wahlmöglichkeit haben, wird in so einem Fall viel von politischen Entscheidungen abhängen. Der Punkt ist: Die Amerikaner machen es der deutschen Politik momentan ziemlich schwer, sich in Richtung USA zu orientieren. Das wäre eigentlich das, was man vor zwei oder drei Jahren noch hätte erwarten können.
Die rationale Welt der Wirtschaft stößt dann einfach auf die Grenzen, die ihr die Machtpolitik setzt?
WITT: Beide Sphären funktionieren nach rationalen Regeln, nur nach einer anderen Art von Rationalität. Im wirtschaftlichen Bereich geht es im Prinzip erst einmal um absolute Gewinne, um Win-win-Situationen, bei denen beide Seiten einen Vorteil haben. Das heißt, am Ende wird der Kuchen größer. Im weltpolitischen Bereich geht es inzwischen wieder mehr um relative Gewinne, also um Gewinne im Verhältnis zur anderen Seite. Wenn ich im wirtschaftlichen Bereich etwas mache, was für mich zwei Prozent Wachstum bringt und für den anderen vier Prozent, dann ist es rational für mich, diese Maßnahme zu ergreifen. Dass der andere vier Prozent bekommt, ist vollkommen egal. Im politischen Bereich und gerade wenn es um den Wettbewerb der Großmächte geht, ist die Betrachtungsweise eher: Wer gewinnt mehr? Dann sind die zwei Prozent Gewinn für mich völlig uninteressant, wenn der andere vier Prozent bekommt. Mache ich umgekehrt etwas, was mich drei Prozent kostet, den anderen aber fünf Prozent, dann haben wir zwar absolut betrachtet beide verloren, aber relativ zueinander bin ich der Gewinner. Also, Weltpolitik ist schon rational, aber es ist eine andere Art von Rationalität als in der Wirtschaft.
Ist dann auch in der so sprunghaften Wirtschafts- und Handelspolitik von Donald Trump eine Art von Rationalität zu erkennen? Kann sein Plan funktionieren, die Handelspartner für die neuen Schulden der USA bezahlen zu lassen?
WITT: Die Handelspartner der USA zahlen seit Jahrzehnten für deren Schulden. Das ist einer der Vorteile, die es mit sich bringt, die globale Reservewährung zu haben. Die Frage ist, wie lange man dieses Spiel noch weiterspielen kann. Ich glaube, seine eigenen Leute wissen nicht, was Donald Trump morgen machen wird. Ich bin nicht einmal sicher, ob er selbst das weiß. Das Risiko einzugehen, sich selbst zu schwächen, nur um einen anderen noch mehr zu schwächen, kann grundsätzlich erfolgreich sein. Nur denke ich nicht, dass Trump mit seiner Herangehensweise dieses Ziel erreichen wird. Ich glaube, die Amerikaner schaden sich momentan selbst viel stärker als einem Rivalen wie China.
In Deutschland keimte zuletzt die Hoffnung, das restriktivere Klima an den US-Hochschulen könnte dazu führen, Wie könnte das gelingen?
WITT: Es gibt bestimmt Leute, die sich ködern lassen. Aber gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen weiterhin sehr unterschiedlich, das fängt schon bei den Gehaltsunterschieden für Spitzenforscher an. Hinzu kommt die ganze Ausstattung, aber auch die Sprachbarriere: Es müsste möglich sein, mehr auf Englisch zu machen, auch den Unterricht. Dann müssen Sie aber nicht nur Professoren umsiedeln, sondern ganze Familien. Auch sie fallen erst einmal aus dem vertrauten amerikanischen Kontext und brauchen Begleitung. Man müsste also an vielen Schrauben drehen, um etwas anzubieten, was wirklich attraktiv ist. Vielleicht müsste man sogar neue Universitäten aufbauen. Zudem gibt es einen gewissen Wettbewerb, denn andere europäische Länder versuchen ja Ähnliches. Plant man wirklich in großem Maßstab Leute abzuwerben, müsste man viel Geld in die Hand nehmen und relativ schnell, innerhalb von wenigen Jahren, etwas hochziehen. Ist das in Deutschland möglich? Im Prinzip ja. Die Frage ist, ob der Wille wirklich groß genug ist.
Ob der Wille groß genug ist, diese Frage stellt sich auch beim Klimaschutz. , und aus den USA ist derzeit kein Rückenwind zu erwarten. Fällt der gerade hinten runter?
WITT: Die Klimarisiken sind anerkannt und gehen ja auch nicht weg, wenn die Amerikaner nun bremsen. Doch Klimaschutz und Sicherheitspolitik lassen sich wunderbar miteinander vereinen. Europa ist sehr abhängig von Energieimporten, aber militärisch nicht in der Lage, diese abzusichern. Klimaschutz hilft uns, diese Abhängigkeit zu verringern, denn er macht uns unabhängiger von Weltmarktpreisen. Es gibt immer die Diskussion über Solarzellen, die in China stark subventioniert werden. Wenn die Chinesen ihre eigenen Unternehmen dafür bezahlen oder uns dafür bezahlen wollen, dass wir billig diese Solarzellen abnehmen, dann sollten wir das tun. Bei E-Autos ist die Sache anders gelagert, aber Solarzellen machen uns nicht erpressbar. Klimaschutz ist für uns sicherheitspolitisch sehr relevant und daher sollte man diese Verbindung forcieren und überlegen, wie man beides möglichst günstig hinbekommt. Da hat man in der Vergangenheit Fehler begangen und vieles zu kompliziert und zu teuer gemacht. Wenn man besser erklärt, wie wichtig der Klimaschutz auch sicherheitspolitisch für uns ist, wächst vielleicht auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.
Zur Person: Professor Michael Witt lehrt am King's College in London internationale Betriebswirtschaftslehre und Strategie. Der gebürtige Augsburger hat nach Studium und Promotion in Stanford und Harvard 20 Jahre in Singapur gelebt und an der Wirtschaftshochschule INSEAD gelehrt. Er spricht am Dienstagabend beim Sommerfest der IHK Schwaben in Augsburg.
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