Herr Kießling, Herr Trost, Ihr Stahlwerk gehört zu den größten Stromverbrauchern Deutschlands. Wie können Sie trotz hoher Energiekosten hier erfolgreich sein?
ALEXANDER TROST: Man kann die Energiekosten nicht isoliert betrachten. Die Lech-Stahlwerke sind ursprünglich entstanden, weil ein italienischer Stahlhersteller einst gesehen hat, dass es wirtschaftlicher ist, den Markt direkt von hier zu bedienen, anstatt Schrott aus Bayern nach Italien zu fahren, um dann dort produzierten Stahl hierher zu exportieren. Diese Grundidee trägt uns noch immer. Wir sind das größte Recyclingunternehmen in Bayern. Jeden Tag verarbeiten wir rund 4000 Tonnen Schrott zu Stahl. Unseren Rohstoff bekommen wir nicht zuletzt von den vielen metallverarbeitenden Betrieben in der Region. Wir sammeln ihn und schmelzen ihn hier ein. Die Rohstoffversorgung hat eine größere wirtschaftliche Bedeutung für uns als die Energiepreise.
MARTIN KIESSLING: Wenn wir mit beiden Fertigungslinien fahren, liegt unsere Volllast bei 132 Megawatt. Das heißt, wir verbrauchen insgesamt ungefähr so viel Energie wie die Stadt Augsburg. Man muss wissen, es gibt zwei Möglichkeiten, Stahl zu produzieren. Die erste ist die sogenannte Primärroute über den Hochofen, die zweite ist das, wir hier bereits seit über 50 Jahren machen: die Verwertung von Schrott mittels Elektrolichtbogenofen. Der CO₂-Ausstoß pro Tonne Stahl ist bei unserem Verfahren um 80 Prozent niedriger als bei der Primärroute. Wir praktizieren durch die Verwertung des Schrotts gelebte Kreislaufwirtschaft – Stahl ist nahezu unendlich recycelbar!
In Deutschland herrscht seit Jahren wirtschaftliche Flaute. Können Sie sich von dieser Entwicklung entkoppeln?
KIESSLING: Aufgrund der wirtschaftlichen Situation und des geringeren Stahlbedarfs produzieren wir phasenweise nur mit einer Linie. Das ist nicht der Wunschzustand, aber das liegt nicht nur an den Energiepreisen oder an Importen, sondern daran, dass die Industrie insgesamt lahmt. Wenn unsere Kunden den Stahl nicht brauchen, können wir diese Differenzmenge nicht plötzlich exportieren. Aber im direkten Branchenvergleich sind wir deutlich besser ausgelastet und wir haben eine starke Mannschaft, die uns ermöglicht, flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren.
TROST: Wir haben eine sehr geringe Exportquote. Unseren Betonstahl vertreiben wir größtenteils in einem Radius von 100 Kilometern, auch das ist nachhaltig. Natürlich beliefern wir auch China, aber das sind wirklich kleinste Mengen. Einer unserer größten Kunden sitzt 60 Kilometer südlich von Augsburg.
KIESSLING: Wir reden viel über Abhängigkeit von Importen, siehe jetzt wieder beim Gas. Sich beim Stahl auf die Produktion in China zu verlassen, kann auch gefährlich sein. Selbst wenn die Energie teurer ist, wäre es leichtsinnig, diese Basis für ein Industrieland wie Deutschland aufzugeben.
Zwei Hoffnungsschimmer gibt es derzeit für die Wirtschaft: Investitionen in die Infrastruktur dank neuer Schulden und den Aufschwung der Verteidigungsindustrie. Brechen bessere Zeiten an für die deutsche Stahlindustrie?
TROST: Die Infrastrukturmaßnahmen wirken, der Bau hat deutlich angezogen, das wird sich in der zweiten Jahreshälfte wahrscheinlich weiter aufbessern. Da sehen wir aktuell eine deutliche Nachfragesteigerung. Beim Tunnelbau etwa haben wir Alleinstellungsmerkmale, das macht uns sehr attraktiv. Zudem hat die EU den Markt jetzt ein Stück weit vor Dumpingprodukten aus anderen Weltregionen abgeschottet. Das ist richtig so und das ist natürlich ein Nachfrageimpuls, den wir merken.
KIESSLING: Bei der Rüstungsindustrie muss man genauer hinschauen. Scherzhaft gesagt: Wenn alle Stahlwerke in Deutschland einen Tag produzieren, ist der komplette Bedarf der Rüstungsindustrie, auch der künftige, gedeckt. Selbst wenn etwa die Panzerproduktion verdoppelt würde, bleiben die Stückzahlen niedrig. Bei der Munition muss einiges nachbeschafft werden, da sehen wir aber kein Geschäftsfeld für uns. Für uns ist der größere Bereich Luft- und Raumfahrtindustrie interessant. Wir haben aber auch in der Gruppe Unternehmen, die bei der Verarbeitung von Stahl sehr spezialisiert sind. So erreichen wir über die gesamte Gruppe eine hohe Verarbeitungstiefe.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche arbeitet gerade an einer Neuausrichtung der Energiewende. Was halten Sie von ihren Plänen?
KIESSLING: Ich glaube schon, dass sie versucht, vieles in die richtige Richtung zu bringen. Sie kommt aus der Energiewirtschaft und kennt diese ganzen unerfüllbaren Versprechen. Der Primärenergiebedarf der Bundesrepublik liegt bei etwa 3000 Terrawattstunden. Erneuerbare Energien machen davon nur 20 Prozent aus. Wir werden den Energiebedarf des Landes nie ausschließlich mit Erneuerbaren decken können, so viel Platz für Windräder und Solarfelder gibt es gar nicht. Wenn man in eine neue Fabrik investiert, prüft man vorher genau: Welchen Input brauche ich für welchen Output? Aber bei der Energiewende ist der Weg unklar. Es ist risikoreich, was wir da machen. Ein großes KI-Rechenzentrum benötigt so viel Strom wie unser Stahlwerk. Wenn wir als Land nicht komplett abgehängt werden wollen, müssen wir diese Energiemengen mobilisieren. Das wird ohne Grundlastkraftwerke nicht gehen.
TROST: Die Stahlerzeugung in Deutschland und in Europa hat einen deutlich niedrigeren CO₂-Fußabdruck als in allen anderen Regionen der Welt. Energie war in Europa immer schon teuer. Indiens Stahlerzeuger planen, ihre Kapazität auf 360 Millionen Tonnen zu verdreifachen. Sie wollen bis 2070 vielleicht in einzelnen Werken auf Werte von 2000 Kilogramm CO₂ pro Tonne Stahl kommen. Wir liegen aktuell bei 600 Kilogramm pro Tonne. In China beträgt der Energieeintrag pro Tonne Stahl ein Vielfaches von dem, was wir hier haben. Wenn wir die europäische Grundstoffindustrie mit asiatischer oder auch nordamerikanischer Konkurrenz ersetzen, ist das klimaschädlich und ökonomisch sinnlos. Die nachgelagerte Wertschöpfung ist genauso effizient, weil sie ja ebenfalls in Deutschland produziert. Auch die vertreiben wir gerade mit der Energiepolitik.
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