Auch wenn die Spritpreise an deutschen Tankstellen laut ADAC zum Wochenauftakt nicht so schnell anstiegen wie zuletzt: Bei einem Literpreis für Diesel von durchschnittlich deutlich über zwei Euro werden viele Pendler im Büro am Montag nochmals nachgezählt haben, wie viele Homeoffice-Tage in ihren Arbeitspapieren vermerkt sind. Denn: Ein Ende des Iran-Krieges ist nicht in Sicht. Der Ölpreis war in der Nacht zum Montag auf fast 120 Dollar pro Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent angestiegen. Zwar sank er nach einem Bericht der Financial Times, dass die G7 ihre Erdölreserven freigeben könnten, blieb aber dennoch hoch. Verbraucher sollten im Monatsbudget also weiter entsprechend kalkulieren.
Die Passage der Seestraße von Hormus, die Tanker und Frachtschiffe zwischen Iran und Oman befahren müssen, wenn sie den Persischen Golf verlassen, bleibt ein hohes Risiko. Das zeigen auch aktuelle Zahlen von Dun&Bradstreet. Das amerikanische Analyseunternehmen hat sich den Containertransport an einer der wichtigsten maritimen Handelsrouten genauer angeschaut. Ergebnis der Erhebung: Allein zwischen dem 1. und 3. März gingen die Buchungen um 59 Prozent zurück, ein regelrechter Einbruch. Die Stornierungen stiegen binnen drei Tagen um 364 Prozent an.
Das Barrel für 140 Dollar?
Das spricht nicht für Vertrauen darauf, dass sich die geopolitische Situation bald bessern könnte. Dazu passt das Statement von Sonja Marten, Chefvolkswirtin der DZ Bank. Nicht nur, dass die Straße von Hormus seit fast einer Woche gesperrt sei, was das Öl-Angebot auf dem Weltmarkt massiv verknappt habe, weil rund zwanzig Prozent der weltweiten Vorräte das Nadelöhr durch dieses Nadelöhr geschifft werden. Was die Lage verschärft: „Große Förderländer wie Saudi-Arabien haben ihre Produktion gedrosselt, da diese bei den Lagerkapazitäten mittlerweile an Grenzen stoßen.“ Solange die Seestraße dicht bleibt, dürfte sich, so ihre Prognose, die Lage kaum entspannen. Das Gegenteil ist ihrer Analyse zufolge „sehr wahrscheinlich“: dass nämlich der Ölpreis zunächst weiter steigt. Anfang 2022 war der zwischenzeitlich auf bis zu 140 Dollar pro Barrel geklettert. Dieses Niveau, so Martens Ausblick, könnte kurzfristig „wieder erreicht oder sogar überschritten werden“.
Zwar stammten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr nur 6,1 Prozent des nach Deutschland eingeführten Rohöls aus dem Nahen Osten (Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Israel), was 4,6 Millionen von 75,7 Millionen Tonnen entspricht. Wichtigster Lieferant bleibt mit 16,6 Prozent Norwegen. Aber die Wirtschaft belastet der hohe Marktpreis natürlich dennoch.
Deutschland droht ein Verlust von 80 Milliarden Euro
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), ein arbeitgebernaher Thinktank aus Köln, hat jüngst simuliert, welche Auswirkungen ein Ölpreis von 150 Dollar pro Barrel auf die deutsche Konjunktur hätte. Demzufolge würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) heuer um 0,5 Prozent und kommendes Jahr um 1,3 Prozent geringer ausfallen. Das entspricht den IW-Berechnungen zufolge einem Verlust von mehr als 80 Milliarden Euro über die zwei Jahre.
In einem weniger pessimistischen Szenario von 100 Dollar pro Barrel wären es für zwei Jahre immer noch 40 Milliarden Euro. Und natürlich würde die Inflation steigen, weil höhere Energiepreise den Transport, das Heizen, die industrielle Produktion und nicht zuletzt zahlreiche Vorprodukte verteuern. Beim IW geht man im schlimmsten Fall für das laufende Jahr von 1,6 und 2027 von 1,9 Prozent höheren Verbraucherpreisen aus. All das, sagt IW-Expertin Galina Kolev-Schaefer im Gespräch mit unserer Redaktion, heißt für Deutschland: „Wenn der Ölpreis so hoch bleibt, wird der ohnehin wackelige Aufschwung deutlich ausgebremst.“
Wackelig, weil die geopolitischen Risiken durch den Krieg massiv gestiegen sind und „weil in Deutschland nach wie vor Strukturreformen fehlen“, sagt die Professorin. Viele Unternehmen würden jetzt ihre Investitionsprojekte auf Eis legen. Auch im Ausland. „Das bedeutet nicht nur weniger Investitionen, sondern auch weniger Exporte.“ Zumal nicht nur Öl und Sprit, sondern auch Gas deutlich teurer wurden. Der niederländische TTF-Kontrakt, der wichtigste europäische Referenzwert, war an der Amsterdamer Börse zu Handelsbeginn um rund 30 Prozent auf fast 70 Euro pro Megawattstunde angestiegen.
Schlechte Nachrichten also. Für Unternehmen und Verbraucher: Am Montagnachmittag lag an den Tankstellen der Liter Benzin Super (E10) durchschnittlich bei 2,056, der Liter Diesel bei 2,202 Euro. Und der ADAC rechnet damit, dass es weiter raufgeht, wenn das Öl nicht billiger, sondern teurer wird.
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