Wer von Starnberg kommend mit dem Auto nach Andechs pilgert, hält sich rechts, parkt, geht hinauf zum „Heiligen Berg“. Eine Maß Bier und eine Schweinshaxe, am besten im Freien bei Sonnenschein und weiß-blauem Himmel – und der Bayer fühlt sich dem Himmel nah. Das Universal-Genie Herbert Achternbusch nannte einen seiner Filme passend „Das Andechser Gefühl“. Wer sich in dem Ort aber links hält, findet den Weg zu Barbara Scheitz und ihrer Andechser-Molkerei-Welt, sozusagen dem Himmel für Freunde des Bio-Joghurts und anderer Milchprodukte.
Der Betrieb liegt weniger spektakulär als das Kloster in einer Senke. Bei der Fahrt durch die Biomilchstraße zur Nummer eins, wie die Adresse des Unternehmens wirklich lautet, fällt der Blick auf eine im Stil Friedensreich Hundertwassers gestaltete Molkerei. Auf begrünten Dächern wachsen Bäumchen und leuchten bunte Kugeln. Unterschiedlich große Fenster heißen Gäste willkommen im oberbayerischen Milchprodukte-Kosmos.
Ein Hundertwasser-Turm als Konkurrenz zur Wallfahrtskirche? Bloß nicht!
Wenn es nach der Hundertwasser-Stiftung gegangen wäre, die nach dem Tod des Meisters über sein Erbe wacht, hätte ein womöglich gut 30 Meter hoher Turm das künstlerisch gestaltete Areal vollendet. Es regte sich indes in Andechs Widerstand gegen einen weiteren Turm, der als Konkurrenz zur Wallfahrts- und auch zur Pfarrkirche des Ortes angesehen wurde. Die „überzeugte Katholikin“ Barbara Scheitz will darüber genauso wenig reden wie über einen intensiven juristischen Streit mit dem Kloster über die Marke „Andechs“, schließlich sei „die G’schicht scho lang her“. Verdammt lang her, könnte man mit der Kölner Band BAP sagen, doch Fluchen passt nicht so recht in die Andechser Welt.
Auch ohne Turm strebt die Molkerei weiter nach oben, obwohl sie schon an der Branchen-Spitze in mancherlei Hinsicht angekommen ist. Das Unternehmen sieht sich schließlich als die größte Bio-Molkerei Europas und in Deutschland als Marktführer auf ihrem Gebiet im Bio-Bereich. Die Molkerei verarbeitet ausschließlich Milch von ökologisch wirtschaftenden und von den Verbänden Bioland, Demeter, Biokreis und Naturland zertifizierten Betrieben. Barbara Scheitz übernahm 2003 die Geschäftsführung von ihrem Vater, dem Öko-Pionier Georg Scheitz. Sechs Jahre später stellte sie den Betrieb vollständig auf Bio-Erzeugnisse um. Im Jahr werden etwa 155 Millionen Kilo Kuhmilch und rund 9,5 Millionen Kilo Ziegenmilch in Joghurt, Quark, Kefir, Skyr, Käse, Sahne, Drinks und andere Produkte verwandelt.
Die Kuhmilch liefern insgesamt 575 Bauern in einem Umkreis von 160 Kilometern rund um Andechs. Etwa die Hälfte des kostbaren Lebensmittels stammt von Landwirten aus dem Regierungsbezirk Schwaben, darunter kommen viele Betriebe aus dem Allgäu und der Region Augsburg. Die restlichen Lieferanten stammen aus Oberbayern. Ziegenmilch bezieht das Unternehmen von 85 Landwirten aus Bayern und Österreich.
Inzwischen machen die einst belächelten oberbayerischen Andechser Ökos den Herstellern konventioneller Milchprodukte Konkurrenz. In der Natur-Joghurt-Bundesliga hat sich Andechser als Bio-Betrieb zwischen konventionelle Anbieter auf Platz zwei geschoben. Barbara Scheitz, die Betriebswirtschaft studiert hat, lächelt und sagt: „Wenn man in der Biomilchstraße 1 sitzt, will man auch die Nummer eins in Deutschland beim Natur-Joghurt werden.“ Sie wartet einen Augenblick die Reaktion des Gegenübers ab und meint: „Des is eigentlich logisch. I find scho.“ Dank ihres charmanten oberbayerischen Dialekts und eines ausgeprägten Humors wirkt der Ehrgeiz der Unternehmerin nicht auftrumpfend, sondern bodenständig sympathisch.
Barbara Scheitz wird noch öfter „logisch“ sagen, wenn sie ihre Sicht der Dinge erklärt. Zunächst einmal wirkt die Entscheidung der Andechser sprachlich unlogisch, auf das „h“ in ihren Joghurt-Produkten zu verzichten. Selbst dafür hat die Molkerei-Chefin eine aus ihrer Sicht logische Erklärung: „Unser Bio-Jogurt ist etwas ganz Besonderes, deshalb unterscheiden wir uns nicht nur beim Geschmack, sondern auch in der Schreibweise.“ Die Bio-Milch werde schließlich schonend und ursprünglich veredelt. So kommt die 60-Jährige zum Schluss: „Wir leben vom Weglassen und nicht vom Zusetzen – getreu unserem Credo ‚Natürliches natürlich belassen‘.“ Das ist eben die Andechser Logik.
Die Strategie geht wirtschaftlich auf. Das Unternehmen mit knapp 250 Beschäftigten wächst weiter profitabel, ohne Gewinn-Kennziffern zu nennen. Zuletzt stieg der Umsatz um zwölf Prozent auf 255 Millionen Euro. Scheitz ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit den Bauern besonders wichtig: „Wir suchen weitere Bio-Landwirte, die uns beliefern wollen. Denn die Verbraucher greifen nach einem Einbruch im Jahr 2022 verstärkt zu Bio-Produkten.“
Andechser feilscht alle zwei Monate mit den Bauern um den Milchpreis
Alle zwei Monate trifft sich das Andechser-Verhandlungsteam mit zwölf Abgesandten der Biobauern, um den Milchpreis auszuhandeln. Die Molkerei-Vertreter nennen den Landwirten Absatzzahlen und Preis-Abschlüsse mit dem Handel. „Die Bilanzen legen wir zwar nicht offen, dennoch sind wir relativ transparent“, sagt Barbara Scheitz. Natürlich wird auch im Bio-Bereich um den Milchpreis gefeilscht. Die Unternehmerin legt Wert darauf, dass auch die Bauern ein für sie „zufriedenstellendes“ Ergebnis erzielen. Mehr verrät sie nicht. Dafür gibt Barbara Scheitz tiefere Einblicke, wie das Unternehmen auf Trend-Wellen surft. Derzeit spielt Joghurt mit oder ohne „h“ in der Szene der körper- und fitnessbewussten Selbstoptimierer eine wesentliche Ernährungsrolle, wenn er möglichst viel Protein, auch Eiweiß genannt, enthält. Barbara Scheitz hat gelernt, dass ein Mensch pro Kilo Körpergewicht täglich rund ein Gramm Protein zu sich nehmen solle. Ein Glas Andechser Bio-Joghurt griechischer Art enthalte 45 Gramm Protein – und das bei 0,2 Prozent Fett.
Solche Produkte sind ganz nach dem Geschmack von Influencern, die auf Social-Media-Kanälen das jahrhundertealte Getränk Kefir nicht nur als gesundheitsfördernd anpreisen, sondern ihm auch zuschreiben, Konsumenten schöner zu machen. Auf TikTok und Instagram wird Bio-Kefir als Beauty-Wundermittelchen gehypt, das Trinkerinnen und Trinkern einen Glow-, eben Glanzeffekt verleihe. Wer will schon nicht glänzen.
In Krisenzeiten stählen viele ihre Muskeln und achten penibel darauf, viel Protein und wenig Kalorien zu sich zu nehmen. Das Geschäft lässt sich Andechser nicht entgehen, logisch. Andere, meist ältere Zeitgenossen, greifen in der unruhigen Ära zum Rahm-Joghurt als Nervennahrung, wovon Andechser auch profitiert. Barbara Scheitz sieht das philosophisch: „Der Mensch hat zu dem, was er isst, das innigste Verhältnis.“ Dabei sehnten sich Verbraucherinnen und Verbraucher nach einer breiten Produktpalette und immer neuen Genussanreizen. Wohl deswegen werden Kühlregale in Supermärkten immer länger und bilden Schluchten verwirrender Warenvielfalt.
Auch für Andechser steigt der Druck: Der Matcha-Mango-Joghurt muss performen
Neue Produkte müssen sich bewähren. Andechser schickt im Frühling und im Sommer die Neu-Kreationen „Matcha Mango“ und „Passionsfrucht Guave“ ins Rennen. Die Molkerei-Chefin verrät: „Wir bieten die beiden neuen Joghurts bis 1. Oktober an, dann sind die einfach weg.“ Wenn der Matcha und der Guave „gut performen“, könnten sie vielleicht im kommenden Jahr wiederbelebt werden. Das Molkerei-Business ist komplexer, als das manch Joghurt-Löffler denken mag.
Und als ob rund 150 Andechser-Produkte nicht eine ausreichende Vielfalt für wählerische Konsumenten bieten würden, hat sich Barbara Scheitz mit ihrer in ganz Deutschland vertriebenen Marke auf den Pasta-Markt gewagt. Die Nudeln werden von dem schwäbischen Unternehmen Zimmermann aus Thannhausen produziert, das vor allem für seine Weißwürste bekannt ist. Die Andechser-Chefin sieht den Ausflug außerhalb der Milch-Welt als Test an.
Die jüngste Auszeichnung? Goldener Regenwurm für die Andechser-Chefin
Irgendetwas geht immer in der Welt der Barbara Scheitz, die viele Auszeichnungen wie den Deutschen Nachhaltigkeitspreis einheimsen konnte. Besonders hat sie sich über die Verleihung des „Goldenen Regenwurms“ durch den Bioland-Landesverband Bayern gefreut. Dem Regenwurm wohnt eine tiefere Bedeutung inne, wirkt er doch an einem gesunden und fruchtbaren Boden mit. Andechser unterstützt mit dem Projekt „KlimaBauer“ zusammen mit Bio-Landwirten „die unermüdliche Arbeit der regen Würmer für eine unserer kostbarsten Ressourcen“. Darin liegt eine ökologische Logik aus Sicht der Molkerei-Chefin: „Denn so entsteht resilienter, fruchtbarer und humusreicher Boden, der ein langfristiger CO₂- und Wasserspeicher ist und uns und die nächsten Generationen ernähren kann.“ Die Unternehmerin geht es um mehr, nämlich „die Liebe zum Produkt und zum Rohstoff“. Am Ende zählt für sie „die innere Haltung“.
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