Gersthofen/Landkreis Augsburg Stolze 28 Seiten umfasst das Dokument. In 182 Punkten arbeitet sich die sogenannte Stichwortmappe an der Praxisgebühr ab. Erklärungen, Ausnahmen, Sonderregelungen; Dr. Manfred Möhring blättert in seiner Gersthofer Praxis durch das Heft und schüttelt den Kopf. „Das Gesundheitswesen ist ja generell überreguliert“, erklärt der Arzt, „aber die Praxisgebühr übertrifft alles.“
2004 wurde die Gebühr, die nach Verrechnung mit den Ärztehonoraren den Krankenkassen zugute kommt, eingeführt. Die Verwirrung ist auch nach acht Jahren noch groß. „Mein Personal hat täglich Probleme mit den Praxisgebühren“, sagt der Hals-Nasen-Ohrenarzt Möhring. Die gesetzlich Versicherten – und dafür hat der Mediziner durchaus Verständnis – wüssten oftmals nicht, wann sie die zehn Euro zahlen müssen und wann nicht. Nicht selten hätten Patienten anstelle einer Überweisung des Hausarztes lediglich die Quittung der im Quartal bereits bezahlten Praxisgebühr dabei.
Seine Mitarbeiterinnen fühlten sich manchmal mehr als Bankangestellte denn als Arzthelferinnen, beklagt der Arzt, für den es nur eine Schlussfolgerung gibt: „Die Praxisgebühr gehört abgeschafft.“
Dagegen hätte auch Margarete Köbler nichts einzuwenden. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael leitet die Gersthoferin die Sarkoidose-Selbsthilfegruppe. Sarkoidose ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die alle Organe betreffen kann, überwiegend aber die Lunge. Wegen ihrer Krankheit muss Margarete Köbler häufig zum Arzt. „Jedes Vierteljahr zahle ich die zehn Euro“, sagt die Rentnerin. „Es wäre sehr wünschenswert, dass chronisch Kranke von der Gebühr befreit würden.“ Dr. Jakob Berger, Sprecher der Hausärzte in Schwaben, würde die Gebühr lieber gleich ganz abschaffen. Der Arzt aus dem Meitinger Ortsteil Herbertshofen kritisiert zudem, dass insgesamt deutlich zu viel Geld in die Verwaltung fließe. Erst vor Kurzem sorgte eine Untersuchung der Unternehmensberatung A. T. Kearney für Furore, die den Krankenkassen vorwirft, knapp ein Viertel ihrer Gesamtausgaben – also etwa 40 Milliarden Euro – für die Verwaltung auszugeben. Diese Studie sei „mehr als fragwürdig“, betont Helga Leirich, Sprecherin der AOK Bayern. Es handle sich lediglich um eine Online-Umfrage, in der Ärzte, Apotheker, Physiotherapeuten und Sanitätshäuser nach ihrer Selbsteinschätzung zu bürokratischem Aufwand befragt wurden. Die AOK selbst weist in ihrem Geschäftsbericht 2010 rund fünf Prozent der Gesamtaufwendungen als Verwaltungskosten aus.
Und die Praxisgebühren? „Sie erfüllen ihren Zweck als Steuerungsinstrument“, erklärt Helga Leirich. Dafür sei die Gebühr schließlich eingeführt worden. Der Patient solle zunächst zum Hausarzt gehen, von dort aus wird er zum Facharzt überwiesen. Zudem würde laut Umfragen die Mehrheit der Versicherten anstelle einer Beitragserhöhung lieber weiterhin zehn Euro Praxisgebühr beim Arzt bezahlen.
Es sei Wahnsinn, „dass die Ärzte für die Kassen das Geld eintreiben müssen“, sagt Hausärztesprecher Berger und nimmt vor allem die Politik in die Pflicht. Auch habe sich eine steuernde Wirkung der Praxisgebühr nicht erwiesen.
Ein ganzer Flur nur für die Verwaltung
Die bürokratische Arbeit, die neben dem medizinischen Tagesgeschäft anfalle, sei auch ohne die Praxisgebühr hoch genug, klagt Manfred Möhring. Zwischen zehn und zwanzig Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er nach eigenen Angaben mit Verwaltungsaufgaben. In den vergangenen Jahren habe sich einiges verschlechtert, erklärt der Arzt und nennt auch gleich ein Beispiel: Als er vor über 30 Jahren im Josefinum in Augsburg seine medizinische Laufbahn begann, habe die Verwaltung dort aus vier Zimmern bestanden. „Heute ist es ein ganzer Flur.“