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Flüchtlinge: Heimatlos, aber trotzdem geborgen

Flüchtlinge

Heimatlos, aber trotzdem geborgen

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    Die Fußball-Trainer Edmund Brecheisen und Albert Mayr (rechts) sind hochzufrieden mit Ardavan, Reza und Ali Shah, hier Michael Schmidt (Mitte)
    Die Fußball-Trainer Edmund Brecheisen und Albert Mayr (rechts) sind hochzufrieden mit Ardavan, Reza und Ali Shah, hier Michael Schmidt (Mitte) Foto: Foto: TSV

    Fischach Zwei Trikots des TSV Fischach an der Wand, eine Deutschlandfahne, ein Fußballwimpel, ein „Twilight“-Poster mit Bella und Edward – das Zimmer eines ganz normalen Teenagers. Tatsächlich ist es aber das Zimmer von Reza. Er ist ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, der zusammen mit neun anderen Jungen im Zentrum Kinderlachen in Fischach eine neue Heimat gefunden hat. Aber vielleicht nur vorübergehend, denn auch bei so genannten „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“ (UmF) wird irgendwann entschieden, ob sie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten oder abgeschoben werden. „Glücklicherweise droht noch keinem die Abschiebung“, sagt Michael Schmidt, Heimerzieher, Betreuer und oftmals Vaterersatz der Buben. Im Gegenteil: Die Jungs im Alter zwischen 14 und 18 Jahren lernen täglich besser Deutsch, kommen zur Ruhe, integrieren sich in Fischach.

    Alle Betreuungsplätze im Raum München sind voll

    Zum Glück wurden diese minderjährigen Flüchtlinge nicht zusammen mit den Erwachsenen in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht – dies passiert oftmals bei Jugendlichen ohne Pass, die älter geschätzt werden oder weil es keine andere Unterkunft gibt. Weil auch derzeit alle Jugendhilfeeinrichtung-en und Betreuungsplätze im Großraum München voll sind, hat das Jugendamt München in Fischach angefragt. Ihre oft dramatische Flucht aus ihrem Heimatland, der Verlust von Mutter und Vater – sei es durch Tod oder Trennung –, die traumatisierenden Erlebnisse im Krieg, das alles müssen die jungen Menschen erst einmal verarbeiten.

    Vielen von ihnen drohte das Schicksal von Kindersoldaten für die Taliban oder sie waren anderweitig verfolgt und bedroht. Sie kamen mit dem Flugzeug mit gefälschten Papieren oder über den Landweg über den Iran, Türkei, Griechenland, Italien. Manche waren kaum 13 Jahre alt, als sie sich auf die Flucht begaben. „Inwieweit ihre Geschichte stimmt oder was ihnen in ihrer Heimat genau passiert ist, darüber haben wir nicht zu urteilen“, betont Schmidt. Und wer möchte Eltern verurteilen, die ihre Kinder in die Fremde schicken, um sie vor Krieg, Verstümmelung und Armut zu schützen?

    Behutsam, mithilfe eines Dolmetschers und Psychologen, versuchen die Betreuer in Fischach den Jungen bei ihren Problemen beizustehen und ihnen eine Zukunft in Deutschland zu ermöglichen: Heimat, Bildung, später vielleicht eine Berufsausbildung. „Viele haben in Afghanistan schon gearbeitet, der eine als Bäcker, ein anderer als Schneider“, erzählt Michael Schmidt.

    Hier besuchen die Jungen den Integrationssprachkurs im bfz Augsburg, nachmittags gibt es manchmal weitere Deutschstunden. Einen Dolmetscher braucht Schmidt nach einem halben Jahr im Alltag nicht mehr.

    Das Zentrum Kinderlachen – die bisher als einzige Jugendhilfeeinrichtung im Landkreis Augsburg minderjährige Flüchtlinge aufgenommen hat – berät sich eng mit anderen Fachleuten in der Arbeit mit Flüchtlingen, zum Beispiel in der Stadt Augsburg. „Der bürokratische Aufwand ist enorm“, schildert Schmidt. Gelder für Dolmetscher und Weiterbildung müssen beantragt werden, parallel zur Jugendhilfemaßnahme laufen die juristischen, asylrechtlichen Verfahren. Weil das Zentrum Kinderlachen damit Neuland betreten hat, achtet Schmidt noch auf eine homogene Gruppe, wo keine unterschiedlichen Volksgruppen und Kulturen aufeinandertreffen.

    Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr, Mitglied des Bildungsausschusses und der Kinderkommission, betonte jüngst bei einem Besuch im Wohlfühlhaus, wie wichtig solche Jugendhilfemaßnahmen für minderjährige Flüchtlinge sind: „Eine Unterbringung in den Gemeinschaftsunterkünften und ohne spezielle pädagogische Betreuung ist nicht zumutbar. Deshalb muss die Aufnahme in Jugendhilfeeinrichtungen Standard werden“, fordert sie. Wenn jungen Leuten einmal auf diese Art geholfen werde, kämen viele wieder von alleine auf die Beine und bräuchten nicht ein Leben lang Unterstützung.

    Michael Schmidt bestätigte am Beispiel der Erstaufnahmeeinrichtung in München: „Dort herrschen zum Teil unhaltbare Zustände, und die Kinder und Jugendlichen laufen somit noch mehr Gefahr, auf eine schiefe Bahn zu geraten.“

    Auch Fischachs Bürgermeister Peter Ziegelmeier freut sich, wie sich die Jugendlichen ihren Platz innerhalb der Dorfgemeinschaft „erspielen“. Denn mittlerweile spielen sie Fußball im TSV Fischach und der SpVgg Langenneufnach. Sie nehmen regelmäßig am A-Jugend-Training teil. Die Trainer der beiden Vereine, Albert Mayr (TSV Fischach) und Edmund Brecheisen (SpVgg Langenneufnach) ermöglichten den Neuankömmlingen eine schnelle Integration.

    Mittlerweile sind einige der Jungs zu einem festen Bestandteil der Mannschaft geworden. Die Vereinsfunktionäre haben auch ermöglicht, dass die Buben in den Ligaspielen auf Torejagd gehen können. Im Gegenzug bekamen die Fischacher Jugendlichen einen Einblick in das Leben der Afghanen, zum Beispiel im Fastenmonat Ramadan. Hierzu wurde die gesamte Mannschaft samt Trainer, Abteilungs- und Jugendleiter eingeladen.

    Plätzchen, Punsch und Christmette

    „Sie sind erstaunlich offen und fleißig“, sagt Michael Schmidt. An den islamischen Festen besuchen die Jungen zwar die Moschee in Augsburg, waren aber auch an Weihnachten mit Schmidt in der Christmette. „Und Plätzchen backen, Punsch trinken und das Haus schmücken wollten sie auch.“ Der kulturell bedingte Respekt vor Autoritäten erleichtert die Arbeit der Erzieher.

    Der Zusammenhalt der Gruppe ist groß, einige kannten sich bereits von der Flucht oder der Erstaufnahmeeinrichtung. Sie haben gemeinsam viel erlebt, jetzt ist es fast so, als hätten sie neue Brüder: „Abends sitzen sie oft zusammen bei einer Tasse Tee und ihren Büchern und lernen, kleinere Konflikte lösen sie meist unter sich.“

    Irgendwie spüren sie wohl, dass das ihre große Chance auf eine bessere Zukunft ist.

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