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30. August 2010 09:59 Uhr

Zusamklinik bei Augsburg

Wenn die Raucherkarriere in der Klinik endet

Langjährige Raucherkarrieren führen nicht selten in eine Fachklinik. Wie etwa in die Zusamklinik bei Augsburg. Dort gibt es "schwerste Fälle". Von Sibylle Hübner-Schroll

Rauchen ist ungesund. Klar.

Langjährige Raucherkarrieren führen nicht selten in eine Fachabteilung oder Fachklinik für Lungenheilkunde. Etwa in die Zusamklinik in Zusmarshausen bei Augsburg, die umgeben ist von einem weitläufigen Park und reiner Luft. Wenn Patienten mit chronisch-obstruktiver Bronchitis hierher kommen, geht es ihnen oft ziemlich schlecht.

Manche sind so schwach, dass sie kaum noch aufstehen können, viele müssen beatmet werden. "Wir haben zum Teil schwerste Fälle", sagt Chefarzt Dr. Marcus Hesse. "Die Leute sind ganz unten angelangt und müssen dringend wieder aufgepäppelt werden."

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Chronisch-obstruktive Bronchitis - das ist eine schwelende Entzündung in den Atemwegen, die mit einer Verengung der Bronchien verbunden ist. "Raucherlunge" wird sie umgangssprachlich auch genannt, denn etwa 90 Prozent aller Betroffenen sind (oder waren) Raucher. Ärzte sprechen von "COPD" als Abkürzung für den englischen Namen "Chronic Obstructive Pulmonary Disease"; die Abkürzung hat sich auch hierzulande eingebürgert. Es ist eine schwierige Krankheit, sagt Hesse. Und er fügt hinzu: "Stoppen kann man sie nicht."

Schon jetzt sind Schätzungen zufolge etwa vier Millionen Deutsche betroffen, bei den über 40-Jährigen etwa jeder Zehnte. Eine Heilung ist nicht möglich. Im Wesentlichen geht es in der Therapie darum, den Krankheitsverlauf wenigstens zu verlangsamen, die Symptome zu bessern sowie die Lebensqualität zu steigern. Und weltweit gesehen prognostizieren Experten, dass die COPD bis zum Jahr 2020 in der Rangliste der häufigsten Todesursachen auf den dritten Platz aufgestiegen sein wird. Zum Vergleich: Im Jahr 1990 lag die Krankheit noch auf Platz sechs, bis heute ist sie schon auf den vierten Rang vorgerückt.

Und trotzdem: Lungenkrebs - dieses Risiko kennt fast jeder Raucher. Aber COPD? Es sei noch viel Arbeit nötig, um diese Krankheit ebenso wie Bronchialkarzinome ins Bewusstsein der Raucher zu rücken, sagt Privatdozent Dr. Martin Schwaiblmair, Leiter des Funktionsbereichs Pneumologie am Augsburger Klinikum. Dass die Mehrheit der Raucher über die Krankheit gut Bescheid wüsste, nein, diesen Eindruck hat er nicht. Und die ersten Symptome, so seine Erfahrung, werden von den Patienten meistens bagatellisiert. Es ist doch nur Husten! Irgendwann, so vermuten wohl viele, geht der schon wieder weg.

Aber dem ist nicht so. Wenn Marcus Hesse seinen Patienten erklärt, dass sie fortan mit einer chronischen Krankheit leben müssten, die allmählich voranschreite, dann sind viele überrascht. Besonders die Jüngeren. Sie verstünden das nicht, das müsse doch wieder besser werden, sagen sie dann. Aber die COPD ist keine Krankheit, bei der man eine Zeit lang Tabletten gibt und nach ein, zwei Wochen ist man wieder gesund, wie Hesse sagt. Die COPD ist eine Krankheit des gesamten Körpers. Nicht nur die Lunge, auch viele andere Organe werden in Mitleidenschaft gezogen.

Ist eine entsprechende genetische Veranlagung da, geht es mit dem Lungenabbau ziemlich schnell voran. Hesse kann sich an junge Männer Mitte 20 erinnern, die - gefördert nicht nur durch Rauchen, sondern auch durch Haschischkonsum - die "Lunge eines 90-Jährigen" hatten. Und das Problem ist: "Viele kommen erst zum Facharzt, wenn sie schon mehrere Jahre Lungenabbau hinter sich haben", berichtet Hesse. Erfahrungsgemäß werden viele erst einmal mit verschiedensten Mitteln behandelt, ehe sie sich endgültig eingestehen müssen, dass das nichts bringt.

Dabei wäre Früherkennung so wichtig. Es ist ein Teufelskreis: Einige Jahre nach dem ersten Griff zur Zigarette stellt sich Husten ein, irgendwann kommt Luftnot hinzu, und zwar zunächst dann, wenn der Raucher aktiv ist. Um die Atemnot zu vermeiden, wird er sich also fortan schonen, was wiederum den Muskelabbau fördert und die Durchblutung verschlechtert. Dadurch steigt der Pegel des Abfallprodukts Kohlendioxid in der Lunge, welches die Luftnot verstärkt. Und dann sind da noch akute Entzündungsschübe, die immer wieder auftreten und Lungengewebe unwiederbringlich zerstören. Hesse nennt einen solchen Schub den "Herzinfarkt der COPD". Denn bekanntlich geht auch bei einem Herzinfarkt Gewebe verloren, in diesem Fall allerdings Gewebe des Herzens.

"Irgendwann ziehen sich die Patienten völlig zurück und bleiben nur noch zu Hause", schildert der Chefarzt. Wenn es erst so weit ist, muss man an vielen Schrauben drehen. Zwar kann nichts die verlorengegangene Lungenfunktion zurückbringen, aber "Luftnot, Muskelschwäche, Depressionen verringern durch intensive Therapie, das geht". Das medikamentöse Arsenal ist übersichtlich, wirklich nennenswerte Fortschritte waren über Jahre hinweg nicht zu vermelden. Vor wenigen Wochen allerdings ist eine Substanz auf den Markt gekommen, Roflumilast heißt sie, ein neuartiger Entzündungshemmer; in ärztlichen Fachzeitschriften ist viel darüber zu lesen. Aber ob sie der "Stein der Weisen" ist? Das muss man abwarten, sagt Hesse. Und Schwaiblmair spricht vorsichtig von einer "Bereicherung der Therapie".

Es sind viele andere, nichtmedikamentöse Maßnahmen, die derzeit eine große Rolle spielen. Das Spektrum reicht von körperlichem Training, etwa in Lungensportgruppen, über Atemphysiotherapie und Hilfsmittelversorgung bis hin zu Langzeitbehandlung mit Sauerstoff und richtiger Ernährung. Gewichtsverlust ist bei der COPD mit einer schlechten Prognose verbunden. Daher gilt es, einem solchen Gewichtsverlust mit geeigneten Strategien entgegenzuwirken; umgekehrt kann aber auch Übergewicht ungünstig sein, weil es körperliche Aktivitäten üblicherweise erschwert.

Wie bei vielen anderen chronischen Krankheiten werden COPD-Patienten heute im Umgang mit ihrer Krankheit geschult. Dabei erfahren sie neben vielen anderen Dingen, wie wichtig es ist, vom Rauchen zu lassen. "Rauchverzicht kann den Krankheitsverlauf ganz entscheidend verändern", sagt Schwaiblmair; "die Raucherentwöhnung ist sicherlich die wichtigste Maßnahme in der Therapie". Und es wird wohl auch noch eine Weile so bleiben, trotz neuer Mittel wie Roflumilast. Wirklich neuartige medikamentöse Therapieprinzipien, so Schwaiblmair, werden die nächsten ein bis zwei Jahre außerhalb von Studien nicht zur Verfügung stehen. Und auch Hesse sieht nichts, was in nächster Zeit einen entscheidenden Fortschritt bringen könnte - und das, obwohl weltweit, wie er sagt, mit größter Intensität an der Krankheit geforscht wird.

Und wie steht es mit der Raucherentwöhnung, hat sie Erfolg? In den frühen Stadien eher weniger, heißt es; später fehlt den Patienten manchmal selbst zum Rauchen die Kraft. Aber etwa zehn Prozent, sagt Hesse, die hat man mit viel Mühe endlich dahin gebracht, dass sie wieder etwas Luft bekommen - und kaum ist es so weit, zünden sie sich wieder eine Zigarette an. Das sind die hartnäckigsten Fälle. Aber von solchen Rückschlägen lässt sich Hesse nicht entmutigen: "Rückfall heißt: neuer Versuch", erklärt er. "Ich gebe die Hoffnung nie auf, ich gebe jedem wieder eine Chance." Sibylle Hübner-Schroll

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