Vor zehn Jahren gab es die Weißrandfledermaus in Augsburg noch gar nicht, jetzt stellt sie am Mittleren Lech mit 200 Tieren die größte Fledermauskolonie der Stadt. Die Experten Bernd-Ulrich Rudolph und Friedrich Seidler erklären das Phänomen: Die Art stammt aus dem Mittelmeerraum und ist wohl im Zug des Klimawandels eingewandert. Als „Spaltenbewohner“, der Unterkunft in Gebäuden findet, ist sie ans Großstadtleben angepasst. Zudem bieten in der Altstadt die vielen Lechkanäle ein gutes Nahrungsangebot an Insekten für die Jäger der Nacht. Das Beispiel zeigt: Fledermäuse fliegen (auch) auf die Großstadt. Die Pflanzenvielfalt in den vielen Gärten und Parks bietet ihnen mehr Nahrung als die Monokultur auf dem Land. In alten Gebäuden finden sie Unterschlupf. Lech, Wertach und Kanäle sind gute Jagdreviere, so die Experten. 18 von 25 bayerischen Fledermausarten sind in Augsburg vertreten und damit vermutlich auch im Umland. Weltweit gibt es 1000 Arten, von denen die meisten Insekten fressen und nur einige südamerikanische Arten Blut saugen.
Büroangestellte entdeckten morgens 200 Tiere
Nach der Weißrandfledermaus bilden die Zwergfledermaus und der Große Abendsegler in Augsburg große Populationen. Vergangene Woche fanden Büroangestellte in der Stadtmitte morgens 200 unerwartete Gäste vor: Zwergfledermäuse, die in der Nacht durchs offene Fenster eingeflogen waren. Abendsegler wiederum flattern mitunter durchs Theater. Sie wohnen dort im Werkstattgebäude. Das zeigt, wie flexibel das einzige fliegende Säugetier ist: Abendsegler bevorzugen eigentlich Baumhöhlen als Wohnstätte. Weil aber viele alte Bäume gefällt werden, ziehen sie um. Doch sind die Tiere einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Die Biologin Anika Lustig berichtet, dass mittlerweile viele Hausbesitzer angesichts hoher Energiepreise und strenger Verordnungen ihre Fassaden dämmen. Sie bittet, in diesem Fall an Ersatzquartiere für die Fledermäuse zu denken. Oft genügt es schon, an Verschalungen keine Insektengitter anzubringen, damit die Tiere einen Unterschlupf finden. Unter den Renovierungen leidet unter anderem die Kleine Bartfledermaus, eine der 14 Fledermausarten, die im Kreis Aichach-Friedberg gezählt werden. Wegen der unterschiedlichen Bedürfnisse der Arten unterscheidet sich die Fauna zwischen Großstadt und Land. So gibt es in den Kreisen Augsburg und Aichach-Friedberg öfter das Große Mausohr, das hohe Ansprüche an seinen Lebensraum stellt und bevorzugt in den Dachstühlen von Kirchen wohnt. Kolonien dieser größten in Deutschland lebenden Fledermausart gibt es im Kloster Oberschönenfeld, in Biberbach, Ziegelbach, Edenried, Handzell und Ainertshofen. Auch die Fransenfledermaus ist in Augsburg eher selten, in den Wäldern des Landkreises dagegen häufiger vertreten. Dagegen ist die Zwergfledermaus als kleinste heimische Art in fast jedem Ort zu finden. Als gefährdet wird die Rauhautfledermaus eingestuft, von der es am Weitmannsee bei Kissing eine Population gibt. Über den Sommer sind dort aber nur die männlichen Tiere zu sehen, die Weibchen kommen im Herbst aus den Sommerquartieren im Nordosten Europas ins Wittelsbacher Land.
Zwar findet die Paarung noch statt, bevor die Tiere in Winterschlaf fallen; erst im Frühjahr werden aber die Eier befruchtet. Meist bringen die Fledermäuse nur ein Junges zur Welt, und viele verhungern während der kalten Jahreszeit. Laut Friedrich Seidler ist von zehn Fledermausarten bekannt, dass sie sich in der Region fortpflanzen. Zehn bis zwölf Jahre beträgt die durchschnittliche Lebensdauer in freier Natur. Wer etwas für Fledermäuse tun möchte, kann einen Kasten aufhängen. Auch Blumen, die nachts duften und Falter anlocken, sind gut. Seidler würde sich wünschen, dass bei Fällungen öfter mal der Baumtorso als Wohnraum für die Tiere stehen gelassen würde. Insgesamt sind die Fledermäuse aber wieder im Höhenflug. Seit 1936 sind sie geschützt, in den 1980er Jahren waren sie trotzdem sehr selten. Mittlerweile hat sich der Bestand jedoch erholt.