Laut Armutsbericht ist fast jedes fünfte Kind von Armut bedroht oder betroffen. In Augsburg mit seinen gut 40000 Kindern und Jugendlichen sind das knapp 7000 junge Menschen. Woran viele nicht denken: Sie sind auch besonderen gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt. Die Landeszentrale für Gesundheit veranstaltete dazu in Augsburg die Fachtagung „Gesund aufwachsen für alle – Kommunale Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche“. Die gehört zu den Ersten in Bayern, die sich an einem bundesweiten Programm beteiligen, das die Gesundheitschancen von Kindern und Jugendlichen in sozial benachteiligten Familien verbessern sollen. Dazu befragten wir Prof. Johannes Gostomzyk, Vorsitzender der Landeszentrale und bis zu seiner Pensionierung Chef des städtischen Gesundheitsamtes, sowie den heutigen Amtsleiter Dr. Ulrich Storr.
Sind Kinder aus benachteiligten Familien kränker als andere?
Gostomzyk: Das kann man so nicht sagen. Aber sie ernähren sich besonders häufig falsch. Außerdem nehmen sie Präventionsangebote wie Sport oder ärztliche Untersuchungen weniger an oder putzen ihre Zähne seltener. Die Folgen werden oft erst Jahrzehnte später sichtbar. So sterben Männer aus dieser Gruppe im Schnitt zehn Jahre früher als andere. Das ist ein Skandal.
Welche Krankheiten treten bei den Betroffenen besonders häufig auf?
Gostomzyk: Bei Menschen aus benachteiligten Verhältnissen beobachten wir einen erschreckend hohen Anteil chronischer Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Das hängt oft mit Armut, aber auch mit einem niedrigen Bildungsstand zusammen. Schon die Kinder zeigen häufig eine gestörte Motorik, sind zu dick und gehen nicht zu Vorsorgeuntersuchungen. Außerdem bestehen oft gefährliche Lücken beim Impfschutz. Wir wissen, dass dies besonders bei kinderreichen Familien mit nur einem Elternteil der Fall ist. In Migrantenfamilien fehlt es darüber hinaus meist an Sprachkenntnissen, um sich über die Angebote zu informieren.
Wie will das Projekt „Gesund aufwachsen“ diese Probleme angehen?
Gostomzyk: Unser Projekt ist auf Prävention ausgerichtet. Über Fachtagungen und Internetforen bieten wir eine Plattform, auf der Ideen ausgetauscht, erfolgreiche Projekte vorgestellt und Netzwerke auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene geknüpft werden. Augsburg ist bei der Prävention für benachteiligte Kinder und Jugendliche vorbildlich. Deswegen haben wir unsere Auftakt-Fachtagung hierher gelegt.
Wie wollen Sie die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen verbessern?
Storr: Entscheidend ist der erste Zugang über die Kindertagesstätten, weil wir hier 90 Prozent aller Kinder und ihre Eltern erreichen. Wir haben sehr engagierte Kindergärtnerinnen, die sich zum Beispiel intensiv darum bemühen, Kindern aus Migrantenfamilien gute Deutschkenntnisse zu vermitteln. Wir bieten ihnen zusätzlich Fortbildungen zu Themen der Vorsorge wie gesunde Ernährung oder Zähneputzen an. Hier legen wir Grundsteine für die Gesundheitsförderung. Jugendlichen geben wir Gutscheine, mit denen sie zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen. Beim Arzt wird er abgestempelt und sie können damit gratis ins Kino oder ins Theater gehen. Nach einem langsamen Start wird das Angebot jetzt gut angenommen.
Gibt es weitere Ideen?
Storr: Wir versuchen, noch mehr Jugendliche in die Sportvereine zu bringen. Es gibt bereits Initiativen, die benachteiligten Jugendlichen den Mitgliedsbeitrag sponsorn. Das wollen wir ausweiten. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von ehrenamtlichen und professionellen Einrichtungen, die benachteiligten Familien Rat und Hilfe bieten. Daran beteiligt sind neben vielen anderen die Universität, alle Krankenhäuser, die Kinder- und Jugendärzte, Kindertagesstätten, Schulen und die Jugendämter. Interview: Peter K. Köhler