Ende Oktober 2010 hatte die Stimmung unter den Mitarbeitern von Böwe Systec endgültig den Tiefpunkt erreicht. Die Schweizer Investorengruppe Axentum Capital hatte trotz Kaufvertrag nicht die nötigen finanziellen Mittel aufgebracht, um das insolvente Augsburger Unternehmen zu übernehmen: Das Geschäft war geplatzt und Böwe Systec stand wieder ohne Investor da.
„Heute bin ich froh, dass es so gekommen ist“, sagt Betriebsratsvorsitzender Claus Bunk. Denn einen Monat später stand die Possehl-Gruppe bereit, um den Spezialisten für Maschinen zur Sortierung und Kuvertierung von Briefen zu kaufen. „Das war das Beste, was uns passieren konnte“, ist Bunk überzeugt. Der Lübecker Konzern, der heute um den Zuschlag für den Augsburger Standort von Manroland buhlt, hat einen hervorragenden Eindruck bei den Beschäftigten hinterlassen. Die Vertreter seien von Anfang an offen und ehrlich gewesen, sagt Bunk. Natürlich wolle auch der norddeutsche Konzern von einer Übernahme finanziell profitieren. „Aber es geht ihnen um eine langfristige Investition. Daher bekommen wir die Zeit, die wir brauchen, um uns zu erholen.“
Als Possehl den Kuvertiermaschinenhersteller im November kaufte, hatten bereits 110 von insgesamt 590 Mitarbeiter in Augsburg ihren Job verloren. Sie wechselten in eine Transfergesellschaft, die meisten schafften den Absprung in eine andere Firma. Die verbleibende Belegschaft von Böwe Systec erhielt vom neuen Arbeitgeber eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2013. Dafür verzichteten die 480 Mitarbeiter auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.
Übernommene Unternehmen bleiben weitgehend unabhängig
Jetzt, ein Jahr nach der Übernahme, scheint das Augsburger Unternehmen auf dem Weg der Genesung. Zwar herrscht noch immer Kurzarbeit für rund die Hälfte der Beschäftigten, „aber wir schreiben schon wieder schwarze Zahlen“, betont Betriebsrat Bunk. Seiner Meinung nach liegt das an der Unternehmensphilosophie von Possehl: „Der Konzern belässt seinen Firmen weitgehend die Unabhängigkeit.“ Entgegen den Gepflogenheiten bei großen Konzernen widerstehe Possehl beispielsweise der Versuchung, Teile der Verwaltung auszugliedern oder von einer Zentrale aus zu steuern. Auch die operative Eigenverantwortung verbleibe bei den gekauften Unternehmen. „Das ist wahrlich eine Seltenheit.“
Bunk gehört ebenfalls dem konzernübergreifenden Betriebsrat an, hat also Kontakt zu Kollegen aus anderen Firmen, die von der Possehl-Gruppe gekauft worden sind. „Von allen Betriebsräten habe ich bisher nur einhelliges Lob gehört“, sagt er und fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass Manroland von Possehl übernommen wird. Einen besseren Investor könnte man nicht finden.“
Die Bevollmächtigte der IG Metall, Christiane de Santana, hat den Lübecker Konzern auch als verbindlichen Partner erlebt. „Bei den Verhandlungen um Böwe Systec hat sich Possehl ausgezeichnet durch Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, sich langfristig zu engagieren,“ so Santana.
Im aktuellen Verfahren um Manroland habe die norddeutsche Unternehmensgruppe im Gegensatz zum US-amerikanischen Konkurrenten Platinum Equity wieder ein detailliertes Konzept vorgelegt. „Ich hoffe nicht, dass sich die Gläubiger für den Investor entscheiden, der den höchsten Kaufpreis bietet, sondern für den, der den Fortbestand der Firma im Sinn hat.“ Heute um 14 Uhr will Santana mit dem Betriebsrat die Mitarbeiter Manrolands über die möglichen Investoren aufklären und klarmachen, mit welcher Haltung sie in die anschließende Sitzung des Gläubigerbeirats gehen wird.