„Take the Achter“, Sven Schiller reicht Patrik Nwanze einen Schraubenschlüssel und überlegt: „Was heißt jetzt schrauben auf Englisch?“ Aber es klappt dann auch ohne viele Worte. Einträchtig montieren die beiden Männer das Rücklicht an ein Fahrrad. Älteres Modell, keine Gangschaltung. Wenn Patrik das Radl am Ende des Tages mit nach Hause nimmt, wird es fahrtüchtig sein und er wird damit Augsburg erobern. Darauf freut er sich schon: „Just move around the City!“
Patrik Nwanze kommt aus Nigeria und sein Zuhause ist gerade das Asylbewerberheim in der Calmbergstraße. Der 31-Jährige ist einer Einladung des Bildungszentrums BIB gefolgt. Es liegt um die Ecke und hat das Projekt „Velo – Anwohner trifft Flüchtling“ gestartet. Treffpunkt ist der Hof der Fahrradwerkstatt „Kette und Kurbel“, wo jetzt Sprachgewirr herrscht: 70 Männer, Frauen und Kinder aus Afghanistan, dem Irak, Kongo, China, Serbien, Somalia, Sierra Leone, Nigeria und Deutschland sind gekommen. „Wir wollen Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht kennenlernen würden. Es wird gemeinsam gearbeitet, wir richten kostenlos gebrauchte Räder für die Flüchtlinge wieder her“, erklärt die Initiatorin Susanne Thoma.
Das Konzept geht auf. Simone German aus der nahen Sulzerstraße ist mit Sohn Tom (11) und Mann Enrico gekommen. „Einfach um zu helfen – wir sind ja fast Nachbarn“, sagt Enrico German und pumpt einen Schlauch auf. Das Damenfahrrad ist für Sahar Butrus Abosch. Die Frau hat noch nie auf einem Rad gesessen. Deshalb nimmt sie in zwei Wochen am Fahrtraining für Frauen teil, das ebenfalls zum Velo-Programm gehört. Dieses wird im Rahmen des Projektes „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ von der Stadt begleitet.
„Wir wollen Mobilität und Selbstständigkeit der Frauen fördern und ihr Selbstbewusstsein stärken“, sagt Thoma. Sahar Butrus und Simone German kommen derweil in der Küche ins Gespräch – mit Händen und Füßen, denn der „Dolmetscher“, ihr zehnjähriger Sohn Nur, saust mit anderen Kindern im Hof herum. Sahar Butrus ist Christin und lebte bis vor neun Monaten im Irak. Das Leben für Christen ist dort zu gefährlich geworden. Schlepper brachten sie für viel Geld über die Grenze. Ihr Mann und ihre zwei älteren Söhne sind noch im Irak.
Bei Familie Kisina ist es die Mutter, die vermisst wird. Sie ist noch im Kongo. Serge Kisina lebt mit der sechsjährigen Gracia und dem vierjährigen Elyas seit Anfang Mai in Augsburg. Heute sucht er für sich und Garcia ein Fahrrad. Schön wäre auch ein Kindersitz. Dann wäre die Familie mobil, für Fahrten zum Kindergarten, zur Schule oder zum Sprachkurs.
Der Andrang ist so groß, dass die zehn Montageplätze ständig besetzt sind. Beim letzten Kinderrad entscheidet das Los. Die Brüder Rasched (6) und Farschad (8) aus Afghanistan haben Glück – sie gewinnen das begehrte knallblaue Jungenrad – und während Farschad noch aufgeregt erzählt, dass Blau seine Lieblingsfarbe ist, bekommt sein Vater Humayoon Wares einen Schraubenschlüssel in die Hand gedrückt – und legt los.