Hungerkatastrophe in Ostafrika, Terror in Afghanistan, Christen-Verfolgung im Irak – die Folgen sind auch in Augsburg zu spüren. Die SOS-Familien- und Jugendhilfen Augsburg betreuen traumatisierte junge Flüchtlinge. Vier Schicksale zwischen Erfolg, Hoffnung und Ernüchterung.
Noch immer schreckt Mahdi (alle Namen geändert), 21, nachts schweißgebadet auf – die Erinnerungen holen ihn ein. Im Bürgerkrieg in Somalia wurden seine Eltern umgebracht. Als Kind hat er mehr Not, Elend und Gewalt erlebt, als hartgesottene Erwachsene ertragen können – bis er floh. Knapp vier Jahre später ist er ein Beispiel für die Erfolge des Projekts „Betreutes Wohnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, kurz UmF. Die SOS-Familien- und Jugendhilfen Augsburg betreuen neun Flüchtlinge, zumeist Afrikaner, Afghanen und Iraker, die sich die drei Wohnungen im Hochfeld teilen.
Mahdi, der 2009 über die Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in München nach Augsburg gelangte, steht inzwischen auf eigenen Beinen: eigene Wohnung, eigenes Einkommen. Der Ostafrikaner arbeitet als Krankenpflegehelfer in einem Altenheim. „Ich zahle jetzt auch Steuern und kann so etwas an den Staat zurückgeben“, sagte Mahdi, der als Flüchtling anerkannt ist, also mit deutschem Pass hier unbegrenzt leben und arbeiten kann.
Nicht alle werden als Flüchtlinge anerkannt
Sprach- und Integrationskurse bestand er mit Bravour, machte sogar einen Hauptschulabschluss. Jetzt strebt er die Mittlere Reife und die Weiterbildung zum Krankenpfleger an. SOS-Bereichsleiterin Angelika Christl ist von dem Ehrgeiz, der Wissbegierigkeit und der Dankbarkeit der jungen Flüchtlinge angetan. Sie sagt: „Zum Erfolg tragen auch die Nachbarn, Schulen und Ausbildungsbetriebe bei, die den Flüchtlingen eine Chance geben.“ 18 Flüchtlinge betreute SOS in gut drei Jahren. Acht davon sind als Flüchtlinge anerkannt, drei geduldet, einer abgelehnt, bei den anderen laufen die Verfahren noch. Erfolge und Enttäuschungen liegen dicht beieinander.
Da ist Saidu, 20, aus Sierra Leone, der gerne Maler und Lackierer werden möchte. Nach einem Praktikum bot ihm die Firma gleich einen Ausbildungsplatz an. Doch solange er nicht anerkannt ist, darf er nicht arbeiten. Seit zweieinhalb Jahren lebt Saidu in dieser Unsicherheit. Vergangenes Jahr machten ihm die beiden Bundesligafußballer des FC Augsburg, Gibril Sankoh, wie er aus Sierra Leone, und Nando Rafael (Angola), die beide vor Jahren ebenfalls aus ihrer Heimat nach Europa flohen, bei einem Besuch Mut. Den kann er gut gebrauchen.
Und da sind Jim und Karim, beide 18, aus dem Irak. Während Jim als Verfolgter der Glaubensgemeinschaft der Yesiden schnell anerkannt wurde, ist sein Neffe Karim nur geduldet. Das Problem: Seine Anhörung fand wenige Tage nach dem Stichtag statt, bis zu dem yesidische Iraker automatisch anerkannt wurden. Deshalb darf Karim, der inzwischen Deutsch und das Fahrradfahren gelernt hat, weder eine Ausbildung machen noch arbeiten, ja nicht einmal seinen Onkel in dessen Wohnung in Stadtbergen besuchen. Die Stadt zu verlassen, ist ihm untersagt.
Bundesadler gebastelt
Bei einem Bildhauer-Workshop zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse, von der Spende der Gesangsgruppen cash’n’go und Jukevox finanziert, fertigte Karim unlängst einen Bundesadler. Ein Zeichen des Dankes – und der Hoffnung. „Wo soll ich heimisch werden, wenn nicht hier?“ Eine Frage, die ihm niemand beantworten kann. AZ