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Vortrag: Die Kunst und das Böse nach Auschwitz

Vortrag

Die Kunst und das Böse nach Auschwitz

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    „Jonathan Littell macht das unmenschliche Böse menschlich und damit erst ungeheuerlich.“Peter-André Alt
    „Jonathan Littell macht das unmenschliche Böse menschlich und damit erst ungeheuerlich.“Peter-André Alt

    Kann der Begriff des Bösen nach Auschwitz in eine ästhetische Form (hier: des literarischen Textes) überführt werden? Das war die zentrale Frage in einem Gastvortrag des Literaturwissenschaftlers und Berliner FU-Präsidenten Prof. Peter-André Alt. Eingeladen an die Universität Augsburg hatte ihn Prof. Mathias Mayer, speziell in seiner Eigenschaft als Sprecher des Elitestudiengangs „Ethik der Textkulturen“. Alt geht ein hervorragender Ruf voraus, was die Zahl und die Vielfalt seiner wissenschaftlichen Publikationen angeht. Wohl auch deswegen war der Hörsaal 2107 am Dienstag voll besetzt.

    Der Gang vom Mythos bis in die Gegenwart

    Im Vorjahr hat Alt das Buch „Ästhetik des Bösen“ vorgelegt (Beck, 714 Seiten, 34 Euro). Darin erforscht er – von der Bibel bis in die Gegenwart – die Genres und Formen, in denen Texte ihre Lust am Bösen kultivieren, sei es durch Grenzverletzungen und Exzesse, sei es durch Wiederholungen und Travestie. Die Abhandlung fragt im Schlusskapitel („Moralische Implikationen unmoralischer Literatur“) auch nach der Kunst des Bösen nach Auschwitz. Daraus trug Alt in Augsburg vor. Im Einzelnen ging es um Adorno, Kertész und Littell.

    Kein Adorno ohne das berühmte Diktum, formuliert 1951 in „Kulturkritik und Gesellschaft“: „...nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch ...“ Der Satz löste in der Nachkriegszeit eine heftige Debatte aus, mannigfacher Widerspruch (von Enzensberger u.a.) inbegriffen. Alt zufolge hat Adorno seinen Standpunkt abgewandelt, auch relativiert, aber nie wirklich aufgegeben – in dem Sinne, dass jede ernst zu nehmende Literatur nach 1945 den „Zusammenhang von Inhumanität und Kultur“ präsent zu halten habe.

    Beispielhafte Autoren: Beckett und Celan

    Die Kunst könne das, so Adorno, vor allem dann leisten, wenn sie sich auf Mittel der Negativität besinne – das Nicht-Sagbare, das widerständige Schweigen. Als Autoren, die beispielhaft für diese Hermetik einstehen, würdigt Adorno insbesondere Beckett und Celan.

    Prof. Alt deutete freilich auch die Aporien an, in die Adorno durch sein Auschwitz-Diktum geriet: Die Moral (als Widerstand gegen das Barbarische und gesellschaftlich Verdrängte) gewinnt die Oberhand gegenüber der ästhetischen Form. Damit erfährt aber auch die von Adorno postulierte Autonomie des Kunstwerks eine Einschränkung. Alt: „Die ästhetische Form gewinnt dabei kein Eigenrecht, weil sie durch theoretische Vorgaben überblendet wird.“ – Wie „antworten“ nun Imre Kertész und Jonathan Littell auf Adorno? Kertész zeigt im „Roman eines Schicksallosen“ (1998), erzählt aus der Perspektive des 14-jährigen György Köves, den „Schrecken als Normalzustand“. Das Lager im Roman ist nicht die Hölle, sondern Alltag. Hier werden die Gegensätze ebenso verwischt wie beim kindlichen Erzähler, der die Sicht der Täter übernimmt, zugleich aber Opfer ist.

    Im „Galeerentagebuch“ (1992) hat der Autor notiert, Auschwitz sei „ausschließlich als Literatur vorstellbar“. Kertész hat schreibend Auschwitz für sich „neu erfunden“, „durch die Zauberkraft von Sprache und Komposition“, wie er hinzufügt, aber unter Absehung von moralischen Urteilen. Der „Roman eines Schicksallosen“, so Alt, sei ein im Wortsinn „unmoralisches Buch“, denn es lasse den Leser allein mit dem ungeheuren Grauen des KZ-Alltags.

    Der fundamentalen Herausforderung, nach 1945 im Roman ästhetische Verfahren gegen das Unvorstellbare von Auschwitz zu setzen, stellt sich Jonathan Littell in „Die Wohlgesinnten“ (2006) u. a. dadurch, „dass er das Genre der moralisch unzuverlässigen Kriegsbeschreibung, wie sie bei Jünger und Malaparte gegeben ist, an einen Extrempunkt“ führt, betonte Alt.

    SS-Mann und Mörder, aber auch Humanist

    Extrem ist zuerst die Erzählerfigur Maximilian Aue, SS-Mann und Mörder, zugleich promovierter Jurist und ein humanistisch gebildeter Mann. In ihm verschränken sich Rollenvielfalt und wechselnde Identitäten, Tat und Beobachtung zu einer komplexen Widersprüchlichkeit, aus der die Moral ausgeschlossen ist. Der eiskalte Nahblick auf die Gräuel tilgt jegliches Gefühl.

    Der Referent entwickelte die Welt des Bösen in diesem im deutschen Feuilleton weithin verrissenen Roman unter verschiedenen Aspekten; etwa auf dem Feld der zahlreichen literarischen Anspielungen (von Aischylos über Dante bis Poe und Musil). Durch diese weist sich der postmoderne, die Grenzen des Erträglichen permanent schleifende Text als „spielerisches ästhetisches Konstrukt“ aus. Und doch, so Alt, bleibt die moralische Urteilsinstanz präsent: Littell „macht das unmenschliche Böse menschlich und damit erst ungeheuerlich; das ist die moralische Botschaft dieses unmoralischen Buchs.“

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