Die Geschichte, die eine 15-Jährige der Krankenhausärztin und einem hinzugerufenen Kripobeamten im vergangenen September erzählte, hörte sich dramatisch an: Sie habe beim Besuch eines Volksfestes im südlichen Landkreis Augsburg von einem Bier nur einige Schlucke getrunken und sei dann weggetreten. Ihr Verdacht: Jemand müsse ihr K.-o.-Tropfen ins Getränk gemischt und sie später sexuell missbraucht haben. Sie habe einen Filmriss gehabt, zudem gebe es Spermaspuren an ihrem Slip.
Wie sich im Lauf der Ermittlungen herausstellte, war an der Geschichte nichts dran. Gestern stand die mittlerweile 16-Jährige vor dem Amtsgericht in Augsburg und wurde zu 64 Stunden Hilfsdiensten verurteilt, weil sie eine Straftat vorgetäuscht hatte. Im Prozess hinter verschlossenen Türen räumte die junge Frau den Vorwurf ein. Hintergrund war, dass sie halb nackt und von Erbrochenem umgeben in ihrem Bett aufgewacht war und offenbar familiären Ärger befürchtete.
Die sogenannten K.-o.-Tropfen sind seit einigen Jahren ein Thema bei Nachtschwärmern. Im Internet kursieren Geschichten von Vergewaltigungen von durch K.-o.-Tropfen wehrlos gemachten Frauen. Keinesfalls dürfe man Getränke nur für eine Sekunde aus den Augen lassen, heißt es. Es gab bundesweit zwar einige derartige Fälle, doch in der Summe sind es Einzelerscheinungen. In Augsburg habe es bisher keinen einzigen eindeutigen Fall gegeben, so die Polizei.
Anzeigen, in denen der Verdacht geäußert wird, gibt es aber gleichwohl, etwa zehn bis zwölf pro Jahr. „Das läuft in Wellen, je nachdem, ob das Thema gerade in den Medien ist“, sagt Polizeisprecher Siegfried Hartmann. Bei der Polizei ist man der Meinung, dass die Betreffenden meist von einer anderen Droge eine Überdosis erwischt haben – nämlich von Alkohol. „Dann sind K.-o.-Tropfen eine angenehme Ausrede gegenüber Eltern oder Freund“, so Hartmann. Doch sicher kann die Polizei das nicht sagen. „Wir prüfen natürlich jede Anzeige“, sagt Hartmann. Ob K.-o.-Tropfen im Spiel waren, ist schwierig nachzuweisen. Nach einigen Stunden sind sie wieder aus dem Körper verschwunden. Doch weil die Symptome denen eines Vollrauschs ähneln, sind die Betreffenden teils erst nach Stunden wieder ansprechbar und haben mitunter einen Erinnerungsverlust.
Damit ein Arzt auf die Schnelle beurteilen kann, was die Ursache für einen Zusammenbruch in oder vor der Disco war, wäre meist ein nüchterner Begleiter nötig, der etwas erzählen kann. „Aber die sind im Nachtleben eher spärlich“, sagt Dr. Markus Wehler, Chef der Notaufnahme am Klinikum. Charakteristisch für K.-o.-Tropfen sei, dass die Wirkung ganz plötzlich einsetzt.
„In der Regel sind die Leute wohl einfach betrunken oder haben andere Drogen genommen“, vermutet auch Wehler. Selten gäbe es Fälle, in denen die Umstände darauf hindeuten, dass tatsächlich K.-o.-Tropfen im Spiel gewesen sein könnten. Routinemäßig werden am Klinikum, wie auch an den meisten anderen Krankenhäusern, keine Blutuntersuchungen auf K.-o.-Tropfen gemacht, da die Analytik sehr aufwendig ist. Die Behandlung läuft ohnehin wie eine Ausnüchterung: Bei den Patienten werden die Lebensfunktionen überwacht, bis sich das Gift abgebaut hat. „Ein Gegengift gibt es nicht“, so Wehler.