Fünfzig wirst du nur einmal. Was macht ein Mann, wenn er fünfzig wird? Feiern, Party, Familie und Freunde. Was Großes eben. Platz hätte Detlef Schilling auf seiner Moss Creak Ranch in der Provinz British Columbia in Kanada. 700 000 Quadratmeter, zwei eigene Hubschrauberlandeplätze. Doch der ehemalige Polizist aus Augsburg hat sich zu seinem 50. Geburtstag statt großer Party etwas ganz anderes ausgesucht: Große Strapaze. Wagnis, Quälerei.
Detlef Schilling ist an seinem 50. Geburtstag auf Hawaii frühmorgens auf ein Rad gestiegen und ist den Mauna Kea hinaufgefahren. Ein Abenteuer. Und eine wirkliche Schinderei. Der schlafende Vulkan ist der höchste Berg Hawaiis. Auf seinem Gipfel befindet sich ein berühmtes Observatorium. Knapp acht Stunden hat Detlef Schilling bis nach oben gebraucht – auf 4200 Meter Höhe. Gestartet ist er bei Höhenmeter null, am Strand. Am Schluss wurde der Sauerstoff immer knapper, jede Bewegung der müden Beine schmerzte. Hinter dem Radkraxler lagen Streckenabschnitte mit 18 Grad Steigung. Eine extreme Herausforderung. Detlef Schilling hat sie gesucht. Und er hat sie gemeistert.
Mit der Tour will er ein Zeichen setzen
Er wollte mit seiner Tour auf den heiligen Berg der Hawaiianer ein Zeichen setzen. Nicht für sich. Es klingt vielleicht ein bisschen sentimental und verschroben, aber Schilling hat es für Griffon getan, seinen geliebten Mischlingshund, der 2010 starb. „The Ride for Griffon“, die Gipfeltour mit über 4000 Höhenmetern auf 92 Kilometern Straße sollte eine Widmung sein, eine Verbeugung vor der Kreatur ganz allgemein und vor Griffon im Besonderen. „Warum tue ich das? Ich verlange nichts. Ich möchte nur ein wenig Aufmerksamkeit für die Würde der Tiere. Ich möchte, dass die Leute ihre Tiere gut behandeln, besonders wenn sie älter werden.“ Das schrieb Detlef Schilling auf seiner Internetseite. Der 50-Jährige spricht voller Respekt von seinem Hund, den er die letzten zwei seiner 19 Lebensjahre gepflegt hat, wie er sagt. Eigentlich ging es Schilling um etwas ganz Einfaches: Er wollte seinem Begleiter etwas zurückgeben, ihm seine Dankbarkeit für „so viele Jahre außergewöhnlicher Freundschaft“ zeigen.
Sich selbst ganz in den Dienst der Erinnerung stellen. Ja: So etwas wie „ein Opfer bringen“. Auf dem Gipfel des Mauna Kea, ausgepumpt, erschöpft, aber lächelnd, griff Detlef Schilling in ein Holzkistchen, das er unter dem Sattel seines Mountainbikes befestigt hatte, zog Haare von Griffons Fell heraus und warf sie in den Wind. Für diese Geste hat er monatelang hart trainiert und alles diesem Projekt untergeordnet. Es war nicht die erste Wahnsinnstat in seinem Leben. Der blonde „Sunnyboy“ hat zwölf Jahre in Augsburg im Polizeirevier 6 in Oberhausen Schichtdienst gemacht, bevor er den sicheren Beamtenposten aufgab für seinen Traum. Er wollte nach Kanada. „Träume darf man nie aufgeben“ – das ist sein Lebensmotto. Und er hat es geschafft.
Er raste mit 219 Stundenkilometern über den Asphalt
Als er noch auf dem Revier Dienst tat, 1987 war das, hatte Detlef Schilling schon einmal Schlagzeilen gemacht. Er hängte sich an einem nebligen Herbsttag auf einem noch nicht freigegebenen Abschnitt der A7 bei Feuchtwangen an den Ferrari eines Freundes und raste tollkühn auf Rollschuhen 219 km/h schnell über den Asphalt. Ein neuer Weltrekord. Schilling ist ein Mann, der solche Extremerfahrungen braucht. Seit er zwei ist, steht er auf Skiern. Detlef wuchs in Japan auf, wo sein Vater einen Job bei Osram hatte. 1976, da war er 15, zog die Familie nach Höchstädt im Landkreis Dillingen. Schilling entschied sich für den Polizeidienst. Im Sommer stürzte er sich gerne auf Skiern Geröllhalden hinunter. Im Urlaub flog er nach Kanada zum Heli-Skiing. Und dort reifte sein Traum: Auswandern nach Kanada. Und: Hubschrauberpilot werden. 1994 kündigte er den Polizeidienst. 1996 erwarb er seine Lizenz als Hubschrauberpilot.
Er flog für einen lokalen Fernsehsender in Los Angeles, um sich in Form zu halten. Und er wartete auf positiven Bescheid der kanadischen Einwanderungsbehörden. Zweimal wurde er abgelehnt. Aber einen Traum kann man nicht ablehnen… Dann hat es geklappt. Detlef lernte die zehn Jahre jüngere Valerie kennen. Und das Paar kaufte sich die Moss Creak Ranch. Dort leben sie seit 2003. Zur „Familie“ gehören drei Hunde, vier Katzen, drei Esel, Hühner und jede Menge Pferde. Valerie ist Pferdezüchterin. Schilling fliegt im Sommer für Firmen, überwacht für den Feuerschutz ein riesiges Waldgebiet. Im Winter fliegt er Touristen zum Heli-Skiing. „Ich bin ein freier Mann, aber du musst hart arbeiten. Es geht morgens um fünf los, und vor zehn abends ist selten Schluss“, erzählt der Ex-Polizist, der zu vielen seiner Kollegen noch Kontakt hat und regelmäßig nach Deutschland fliegt, um seine inzwischen 81 Jahre alte Mutter in Höchstädt zu besuchen.