Leer, weit, klar und still ist die große Säulenhalle im H2 Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast – ein beeindruckender Echoraum. Der 1978 in Augsburg geborene und in Karlsruhe lebende Künstler Benjamin Appel hat in diese Industriekathedrale eine riesige Holzplatte eingepasst. Sie ruht auf den Eisengestellen von 80 ausrangierten Tischen und wirkt wie eine Bühne der Abwesenheit. Eine Bühne, die sich selbst genügt.
Acht der weißen H2-Säulen sind in das Werk integriert, sie ragen aus der Platte, die sorgfältig aus hellen, glatten, aber unbehandelten Brettern zusammengefügt ist. Schreitet man das Podest ab, sind es zwölf Schritte an der Stirn- und 24 Schritte an der Längsseite. Ein monumentales Gebilde, das aber nicht auftrumpft, sondern sich einfügt. Eine Irritation, aber kein Fremdkörper. Es riecht in der Halle nach frischem Holz. Feines Sägemehl liegt wie Staub auf der Fläche, die Appel wie eine zweite Ebene in den Raum gesetzt hat.
Das Werk ist puristisch, ein Rechteck ohne Funktion, das seinen Platz behauptet. Oder ist es eine Barriere? Der Holzkörper verändert die Dimensionen und Proportionen des Raumes. Er schafft zugleich ein helles Darüber, eine Freifläche, und ein dunkles Darunter, einen unübersichtlichen Wald aus Gestängen. Schwebt die Riesenplatte oder drückt ihre Last nach unten?
Benjamin Appel studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe bei Daniel Roth. Mit seinen Skulpturen, Installationen und Rauminterventionen hat Appel eine eigene Formensprache entwickelt. Sie wurde unter anderem 2006 mit dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg gewürdigt. 2009 erhielt Appel den Hector-Förderpreis – einen mit 10000 Euro dotierten Spezialpreis für dreidimensionale Kunst. Die Jury lobte Appels geometrisch ausbalancierte Arbeiten, seine „präzisen Bekenntnisse zum Unspektakulären, Beiläufigen, Fragilen“, die als „originärer Aufruf zum Nachdenken über Skulptur heute“ zu verstehen seien.
Einbauten aus armen Materialien
Dieses Nachdenken befördert der Künstler, der seine Augsburger Ausstellung „Auf einem Baum gefallen“ nennt, auch in der Raumfolge der Kabinette im H2. Dort hat er Einbauten vorgenommen aus armen Materialien wie Gips, Beton, Erde und Eisen. Seine zweckfreien, an brachliegende Baustellen oder Gerippe erinnernden Raumobjekte, die dem rechten Winkel verpflichtet sind, kombiniert Benjamin Appel mit Ölgemälden, die Rechtecke und Quadraten zeigen und farblich wie „schmutzige“ Kreuzungen der Bilder von Josef Albers und Mark Rothko wirken.
Aus drei großen Eisenrahmen und mit Torf beschichteten, schrundigen Seitenwänden hat Appel eine Art Raumteiler gebaut, der durchlässig und sperrig, offen und massiv zugleich ist. In einem anderen Raum liegt eine quadratische Betonplatte auf zwei Eisengestellen, wie sie in der Halle die Holzplatte tragen.
Die pure Materialität entfaltet eigenen Reiz. Die Stofflichkeit ist der sinnliche Aspekt dieser stillen Arbeiten, die von Appels Liebe zur Geometrie und der Strenge und Reduktion geprägt sind.
Benjamin Appel unterläuft Erwartungshaltungen und verleitet dazu, sich mit Fragen von Ästhetik, Nutzbarkeit, Bedeutung und dem Eigenleben von Formen zu beschäftigen. Wann ist ein Raum leer, wann ist er „besetzt“? Was macht die Handschrift eines Künstlers aus?
Laufzeit bis 6. Mai. Geöffnet Dienstag 10–20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10– 17 Uhr. Eintritt 7 Euro.