Der alte jüdische Friedhof ist ein unscheinbarer Flecken Augsburgs. Etwas abseits der B17 umringen hohe Mauern 500 Jahre alte Grabsteine, kaum beachtet von Passanten und Nachbarn. Das soll sich ändern. Am Haupttor des Friedhofs wurde eine Gedenktafel angebracht. Auf ihr stehen die wichtigsten Fakten und Besonderheiten der Friedhofsanlage, die 1627 begründet wurde. „Informationen sind die notwendige Voraussetzung für das Gedenken“, sagte Benigna Schönhagen, die am Mittwochabend als Leiterin des jüdischen Kulturmuseums gemeinsam mit Kulturreferent Peter Grab die Tafel einweihte.
Ziel sei es, ein neues Verständnis für die jüdische Kultur in der Region vor der Shoa zu schaffen, sagte Rabbiner Henry Brandt. Denn: „Es gab ein davor.“ Wie die jüdische Gemeinde vor dem NS-Regime das Leben im damals ländlichen Kriegshaber geprägt hat, wird durch einen Blick auf die Grabsteine deutlich.
Vorschrift der ewigen Grabruhe
Das Besondere an einem jüdischen Friedhof ist die Vorschrift der ewigen Grabruhe. So finden sich unter den Bestatteten neben dem Kammeragenten des Kaiserreiches, Schiman Wolf Wertheim, auch ein amerikanischer Konsul des 19. Jahrhunderts, Karl von Obermayer. Auf mehreren Grabplatten zu lesen ist auch der Name Binswanger. Auf die Familie der damaligen Likörhändler geht das gleichnamige Plärrerzelt zurück.
Während der NS-Zeit geschändet, wurde der Friedhof anschließend über drei Generationen von der Familie Felber gepflegt. Auf die Frage, ob es auf dem Friedhof spukt, soll Maria Felber einmal gesagt haben: „Ein jüdischer Friedhof ist einer der schönsten und friedlichsten Orte der Welt.“ 1951 fand dort die letzte Bestattung statt.
Heute erwacht die jüdische Kultur in Augsburg wieder zum Leben, erzählt Brandt. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sei die Zahl der Juden höher als je zuvor. Nur die Verbindung zur Gemeinde fehle vielen. „Unter den 1600 Juden sind viele Karteileichen“, meint er. „Ein richtiges Gemeindeleben muss über Generationen wachsen.“ Dafür sei die Beziehung der Stadt ausgesprochen gut. „Wir bieten viele Veranstaltungen an, die Reihen sind fast immer voll.“ Ein Besuch lohnt sich: Laut Brandt ist die Synagoge an der Halderstraße eine der schönsten Europas.