Wer braucht in einer Großstadt wie Augsburg schon ein Auto? Unzählige Baustellen kosten Nerven und Zeit, die grüne Welle erwischt man so gut wie nie und Parkplätze sind ohnehin rar gesät. Aber wer kommt wirklich ohne ein Auto aus? Der Großeinkauf im Baumarkt lässt sich kaum mit der Tram transportieren und für den spontanen Ausflug ins Umland möchten die wenigsten auf einen Bus umsteigen.
Bereits vor zehn Jahren kamen in Augsburg Menschen zusammen, die das Dilemma mit einem Konzept lösen wollten, das in anderen Städten längst angewendet wird: „Carsharing“ heißt es auf Neudeutsch und bedeutet nichts anderes, als dass sich mehrere Bürger ein Auto teilen. „Man kann natürlich auch den Wagen des Nachbarn ausleihen, aber da kommt das Problem der Haftung ins Spiel“, erklärt Thomas Hecht. Der Lehrer war bei der ersten Versammlung im Jahr 2001 dabei. Sehr schnell, sagt er, habe man sich darauf geeinigt, einen Verein zu gründen. Die Kfz-Versicherung sollte nicht auf Einzelne, sondern über den Verein laufen. Zehn Jahre später steht fest: Es funktioniert. Trafen sich damals gerade mal sieben Interessenten, ist die Gruppe heute auf 57 angewachsen. Zum Fuhrpark gehören mittlerweile sieben unterschiedliche Automodelle, vom Kleinwagen bis zum Transporter.
Autoschlüssel im Tresor
Früher musste man noch anrufen, um einen Wagen zu buchen. Daher stammt auch der Vereinsname „Beianrufauto“. Heute ist auf einer Internetseite rund um die Uhr zu sehen, welches Auto zu welcher Zeit verfügbar ist. Die Wagen stehen verteilt auf drei Stellplätzen und Tiefgaragen in der ganzen Stadt. Die Standorte sind fix, das heißt, „man sie holt sie dort und parkt sie auch wieder an derselben Stelle“, erklärt Hecht, der derzeit zweiter Vereinsvorsitzender ist. Man müsse einfach nur im digitalen Kalender angeben, wie lange man das Fahrzeug benötigt.
Die Autoschlüssel liegen in kleinen Tresoren in unmittelbarer Nähe der Parkplätze. Einen Missbrauch habe es bislang nicht gegeben, betont Hecht: „Sehr selten verwechselt mal einer das Datum und nimmt ein Auto am falschen Tag mit.“ Ein schwarzes Schaf, das den Verein etwa für rasante Spritztouren missbraucht, ist bisher nicht aufgetaucht. „Wir haben keine höhere Unfallquote als im privaten Rahmen“, erklärt Hecht. Falls doch mal einer auffällig oft Blechschäden verursachen sollte, käme ein bisher ungenutztes Mittel zum Einsatz: der Ausschluss aus dem Verein.
Die Kontrolle über die tatsächliche Nutzung der Fahrzeuge und die Abrechnung erfolgt im Turnus von zwei Monaten. Dann überprüft ein Vorstandsmitglied das Fahrtenbuch und schickt jedem die Abrechnung, je nach gebuchter Zeit und gefahrenen Kilometern. Noch erledigt man sämtliche Arbeiten ehrenamtlich. Einer ist für Reparaturen und Inspektionen zuständig, ein anderer kümmert sich um die Finanzen und Hecht betreut das Buchungssystem auf der Internetseite.
In vielen Großstädten gibt es längst professionelle Anbieter, die mit dem Konzept und einer riesigen Flotte von Hunderten Fahrzeugen Geld verdienen. Autohersteller wie Daimler oder BMW sind dazu übergegangen, ihre eigenen Geschäftsmodelle mit Kurzzeitmieten aufzubauen. In Augsburg ist solch eine Konkurrenz bisher nicht in Sicht. Einzig die Deutsche Bahn bietet einen vergleichbaren Service. Trotzdem machen sich Hecht und seine Freunde Gedanken, was die Zukunft bringt. „Wir werden auf jeden Fall weiter wachsen“, ist sich Hecht sicher. Für einen neuen Stellplatz laufen schon die Verhandlungen, aus dem Augsburger Umland mehren sich die Nachfragen. Künftig, sagt Hecht, müsse es darum gehen, sich besser mit anderen Vereinen oder auch Einrichtungen zu vernetzen. Mit den Stadtwerken könne man eventuell zusammenarbeiten. Erfolgreiche Beispiele gebe es bereits in anderen Städten. Und auch Elektromobilität ist ein Thema. „Vielleicht legen wir uns mal ein Elektroauto zu, das kann man sich ja als Einzelperson nicht leisten.“
Feste Arbeitsstelle
Über kurz oder lang will die Gruppe für professionelle Strukturen sorgen, etwa mit einer festen Arbeitsstelle. Bisher kennen sich die meisten noch untereinander, gehen auch manchmal zum Grillen. Mit einer Feier stießen die Mitglieder erst kürzlich auf das zehnjährige Bestehen an.