Die Mehrheit der in Augsburg lebenden Menschen, die ihre Wurzeln im Ausland haben, findet sich gut zurecht, so der Integrationsbeauftragte. Aber: Verfehlte Integrationspolitik wirkt sich aus.

Das Buch, das die Republik beschäftigt: Es ist weg. In Augsburgs großen Buchhandlungen war Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" am Dienstagmittag schon vergriffen. Frühestens Anfang nächster Woche rechnen die Buchhändler mit Nachschub, auf den sie "händeringend warten", wie eine Verkäuferin erzählt.
Die umstrittenen Thesen des Bundesbank-Managers zur Integration von Ausländern interessieren offenbar brennend in einer Stadt, in der 40 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund haben. Diese sind selbst eingewandert oder Nachkommen von Einwanderern. Rund 105.000 Menschen sind das nach den neuesten Zahlen der Stadt in Augsburg. Mit fast 22.000 Menschen ist die Gruppe der Türken die zweitstärkste hinter den Einwanderern aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.
Viele Ausländer schaffen keinen Schulabschluss
Die Mehrheit der Neuankömmlinge finde sich gut zurecht in der neuen Heimat, sagt Robert Vogl, Integrationsbeauftragter der Stadt. Doch die Probleme sind nicht zu übersehen.
Beispiel Arbeitsmarkt: Der Anteil der Arbeitslosen ist unter Migranten doppelt so hoch wie unter den Alteingesessenen.
Beispiel Schule: Der erste Bildungsbericht der Stadt aus dem Jahr 2008 stellt einen Zusammenhang her zwischen Migrationshintergrund und schulischem Erfolg. Ausländer verlassen die Hauptschule häufiger ohne Abschluss und sind an weiterführenden Schulen unterrepräsentiert. Ein Kind, das in Oberhausen aufwächst, wo fast 30 Prozent der Einwohner keinen deutschen Pass haben, hat mehr als doppelt so schlechte Chancen aufs Abitur wie ein Kind aus Bergheim. Dort liegt der Ausländeranteil bei 2,6 Prozent.
Der aus Hochzoll stammende Vogl warnt aber vor voreiligen Schlüssen. "Viele Probleme, die für soziale Schichten typisch sind, werden Migranten zugeschrieben." Deutsche Angehörige der Unterschicht täten sich in Schulen und am Arbeitsmarkt genauso schwer.
Eltern, die es sich leisten können, ziehen allerdings längst die Konsequenzen: Privatschulen weisen lange Wartelisten auf und bei der Wahl des Wohnorts gehört der Schulsprengel zu den entscheidenden Kriterien. Die Abgrenzung funktioniert auch in die andere Richtung: Bislang vergeblich versucht der von türkischstämmigen Akademikern geprägte Verein Frohsinn in Augsburg eine Schule zu gründen, die allen Nationalitäten offen stehen soll.
Mit dem Angebot des deutschen Schulsystems für Einwandererkinder sei man nicht zufrieden, sagt der Vorsitzende Mahmut Altinzencir. Einen Kindergarten und ein Nachhilfeinstitut betreibt Frohsinn schon.
Für den Experten Vogl sind viele der Probleme Folgen einer verfehlten Integrationspolitik. Statt auf die Vermittlung der deutschen Sprache und Gepflogenheiten zu drängen, sei an Schulen bis zum Anfang des Jahrtausends zweisprachig unterrichtet worden. Erst seit 2005 sind sogenannte Integrationskurse verpflichtend.
An der Volkshochschule Augsburg, einem von mehreren Anbietern, durchlaufen jedes Semester rund 600 Zuwanderer die Schulungen, in denen es hauptsächlich um die Vermittlung der deutschen Sprache geht. 600 Stunden sind vorgeschrieben.
Vogl ist seit 2002 Integrationsbeauftragter der Stadt. Seitdem, so sagt er, habe sich der Blick auf die Einwanderer verändert. Seit dem 11. September 2001, dem Tag der Anschläge von New York, werden vor allem Muslime misstrauisch beäugt. An die 16 Moscheevereine gibt es in der Stadt, die Gebetshäuser fügen sich meist unauffällig ins Umfeld ein.
Neubauprojekte wie aktuell die Ahmaddiyya-Moschee in Oberhausen stoßen jedoch auf den Widerstand von Nachbarn. Der Islam könne ohne Zweifel Barrieren bilden zwischen Einheimischen und Zuwanderern, sagt Vogl. Überschätzen solle man ihn jedoch nicht, allenfalls 30 Prozent der Muslime in Augsburg gingen regelmäßig zum Gebet in die Moschee. Doch Vogl weiß auch: "Ängste lassen sich nicht so einfach wegdiskutieren."
Für die Zukunft erhofft sich der Integrationsbeauftragte vor allem zwei Dinge: Erstens müssten die Migranten in den Bereichen Bildung und Beruf mehr Erfolge haben, zweitens sei eine "Willkommenskultur" von deutscher Seite nötig. Dies aber sei eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, Politik und Behörden allein könnten das nicht schultern. Dann könne es etwas werden mit dem gedeihlichen Zusammenleben in dieser Stadt, die - wie das ganze Land - aufgrund der Bevölkerungsentwicklung laut Experten auf den Zuzug von Menschen angewiesen ist.
Gut ausgebildete Menschen brechen ihre Zelte ab
Derzeit scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung zu gehen. Laut Vogl kehren gerade gut ausgebildete Migranten Augsburg zunehmend den Rücken. "Damit fehlen dann Vorort die Beispiele, dass man es hier schaffen kann." Fast scheint es, als ginge es Augsburgs Integrationspolitik so wie den Buchhändlern: Der Nachschub fehlt. Von Christoph Frey
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