Es gibt viele Tricks, mit denen Analphabeten verbergen, dass sie nicht lesen und schreiben können: Manchmal behaupten sie, sie hätten ihre Brille vergessen und lassen sich einen Text vorlesen. Oder sie sagen, sie nehmen Unterlagen mit nach Hause, um sie in Ruhe durchzugehen. Manchmal erscheinen sie sogar mit einem eingegipsten Arm zu einem Termin. So erklären es Bildungsexperten, dass viel mehr Menschen Analphabeten sind, als bisher angenommen. In Augsburg sind es mindestens 31000 – also etwa jeder Neunte. Darauf machte jetzt Volkshochschulleiter Stefan Glocker aufmerksam, der selber schockiert über diese Zahlen ist.
Eine neue Studie der Universität Hamburg ergab, dass 7,5 Millionen Personen zwischen 18 und 64 Jahren in der Deutsch sprechenden Bevölkerung nicht richtig lesen und schreiben können. Bislang gingen Schätzungen von 4 Millionen aus. Dabei geht es stets um sogenannten „funktionalen Analphabetismus“. Das bedeutet, die Betroffenen kennen womöglich einzelne Buchstaben, manche können ihren Namen schreiben. Aber es reicht nicht, um sich im Alltag zurechtzufinden.
Weiteres Ergebnis der Studie, für die 8600 Menschen befragt wurden: 60 Prozent des Personenkreises sind berufstätig – wenn auch oft nur in Helferjobs. Volkshochschuldirektor Glocker: „Wenn ein Unternehmen Arbeitsplätze abbaut, sind das oft die Ersten, die gehen müssen.“
Bildung in der Kindheit vernachlässigt
Brigitte Loibl ist als Fachbereichsleiterin Deutsch für Alphabetisierungskurse zuständig, welche die Volkshochschule(vhs)seit den 80er- Jahren anbietet. Aus Erzählungen der Schüler weiß sie, wie es in einem hoch entwickelten Land passieren kann, dass jemand nicht richtig lesen und schreiben kann. Oft wird die Schulbildung in der Kindheit vernachlässigt, zum Beispiel weil Eltern keine Zeit für das Kind hatten – in Großfamilien zum Beispiel. Die Schulen ziehen diese Kinder dann irgendwie durch. Loibl: „Unser Schulsystem ist überfordert, das einzelne Kind zu fördern.“
Wer sich so durch Schule und (eventuell) Ausbildung irgendwie durchgehangelt hat, hört laut Loibl danach oft ganz mit Lesen und Schreiben auf. Folge: Es gibt mehr 40-jährige als 20-jährige Analphabeten. Loibl sieht bei dem Thema somit nicht nur die Schulen, sondern auch den Weiterbildungssektor gefordert.
Schulungen für Ansprechpartner der Betroffenen
Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat kürzlich einen Grundbildungspakt ausgerufen. 20 Millionen Euro stellte sie dafür deutschlandweit in Aussicht – zu wenig, glauben Experten. Glocker nennt die Konsequenzen, die die Gesellschaft ziehen müsste:
Ein verlässliches Regelangebot an Alphabetisierungskursen.
Ein berufsorientiertes Sofortprogramm zur Förderung der Alphabetisierung.
Schulungen für Ansprechpartner in Behörden wie Arbeitsagentur, Jobcenter und kommunale Ämter sowie in Wohlfahrtsverbänden.
Loibl zum letzten Punkt, den sie für sehr wichtig hält: „Das Problem ist, dass Analphabeten auch für Berater schwer zu erkennen sind, weil sie alles tun, um diesen vermeintlichen Makel zu verstecken.“ Dabei kommen letztlich auch zu den Alphabetisierungskursen der vhs die meisten auf Anraten eines Berufs- oder Schuldnerberaters oder des Bewährungshelfers. Sie sind zu dem Zeitpunkt schon 30 bis 50 Jahre alt und haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, sind laut Loibl vom Schulsystem „traumatisiert“.
Deshalb arbeitet die vhs hier mit einem besonderen Konzept. Es gibt eine „offene Lernwerkstatt Grundbildung“, in der sich die Teilnehmer Materialien über Lesen, Schreiben und Rechnen heraussuchen können. Für die 13-köpfige Gruppe, die sich einmal die Woche trifft, sind gleich zwei Dozenten zuständig. Doch selbst das ist laut Loibl zu wenig, da die Schüler intensiv und individuell gefördert werden müssten – am besten mehrmals die Woche mehrere Jahre lang.
Doch weil die Volkshochschule für das Angebot kein Geld verlangt, kann sie sich mehr Termine nicht leisten. Wünschenswert wäre es sogar, Kurse in Stadtteilen anzubieten. Loibl: „Wer wegen seines Analphabetismus keinen oder nur einen schlecht bezahlten Job hat, dem fehlt oft sogar das Geld fürs Straßenbahnticket zu uns.“ "Kommentar