Zwei gemauerte schlanke Türme, schmucklos, fensterlos, nebeneinander aufragend unter einem leeren Horizont. Unwillkürlich denkt man bei dieser Zeichnung aus dem Jahr 2008 auch an die Zwillingstürme von New York, an den Terrorangriff von 9/11. Einerseits ist äußerst unwahrscheinlich, dass Andreas Bindl dieses konkrete Ereignis vor Augen hatte. Andererseits sind die verschlüsselten Werke des Künstlers, in denen Berge, Vögel und Kühe, Leitern, Boote, Pflanzen, und auch Türme als vieldeutige Symbole und Metaphern auftauchen, immer weit offen für Interpretation - auch für die eingangs genannte Assoziation. Von Michael Schreiner

Was man nicht sieht
In diesen aus Raum und Zeit gefallenen Bildwelten, denen Ortlosigkeit und Leere Resonanzraum schaffen, die zudem still und geheimnisvoll sind, gibt es nicht das Eindeutige, das Bestimmte. Bindl sagt: "Ich versuche zu zeichnen, was man nicht sieht."
Galerist Konrad Oberländer, der das eigenständige, so gar nicht marktgängige Werk des in Faistenhaar bei München lebenden Künstlers seit Langem engagiert vertritt und Bindl 1998 zum 70. Geburtstag eine vielbeachtete Retrospektive in München ausgerichtet hatte, zeigt in Augsburg nun Zeichnungen, Objekte und Plastiken aus jüngerer Zeit - 38 Arbeiten. Einige davon waren 2008 schon in München zu sehen, das dem Mitglied der Akademie der Schönen Künste zum 80. gleich zwei große Ausstellungen widmete.
Es ist ein intensives Alterswerk, das den Betrachter mit existenziellen Fragen konfrontiert: Leben und Tod, Qual und Hoffnung, Vergänglichkeit und Ewigkeit. Andreas Bindl erschafft einen eigenen, verrätselten Bilderkosmos. Magische Landschaften, in denen Natur und Kreatur eine berührende Würde haben. Landschaften aber auch, in denen gelitten wird. In diesem Zwischenreich ist kein Platz für Aktualität und Geschwätzigkeit unserer Schreihalsgegenwart. Alles Grelle, Glatte, Leichte, Auftrumpfende, Verschnörkelte, Bunte ist den karg-poetischen Arbeiten fremd. Das Archaische, Reduzierte zieht uns in die Tiefgründigkeit.
Andreas Bindl studierte nach dem Zweiten Weltkrieg an der Münchner Kunstakademie bei Josef Henselmann Bildhauerei. Die bei Oberländer gezeigten neuen Plastiken haben vor allem ein Motiv: Berge. Die kleineren Bronzen erinnern an Speerspitzen oder steinzeitliche Werkzeuge. Die aus bemalten Aluminiumstreifen über einem Holzgerüst geschaffenen "großen Berge" überzeugen durch ihre Einfachheit und poetische Präsenz.
Konsequent mit schwarz und weiß sich begnügend, erschafft Andreas Bindl in seinen Mischtechniken auf Papier schroffe Einfachheit. Ein Dampfer, eine Horizontlinie, der Mond. Eine Bergkette mit spitzen Gipfeln, davor im Schwarz ein Schiff, Niemandsland. Zwei urzeitlich anmutende Vögel, verfallenes Gemäuer, Berge, eine Schlange. Zwei Menschen im primitiven Boot, unterwegs. Wir bewegen uns in einem Totenreich, in einer Welt ohne Datum, im Nebel zwischen Tod und Auferstehung.
Andreas Bindl ist ein tiefgläubiger Mensch. Der Flug des Vogels, die Fahrt des Schiffes - Schwebezustände vor Berglandschaft, die Sinnbild der Dauer ist. Und auf den Gipfelspitzen immer wieder das Kreuz - klein, zerbrechlich, gezeichnet mit zögerlichem, wie von Zweifeln geführtem Strich, als habe der Künstler auch damit lange gerungen.
Galerie Oberländer bis 9. April. Geöffnet Montag bis Freitag 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 3 98 93).
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