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Kälte: Leben auf Platte

Kälte

Leben auf Platte

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    Mit warmen Decken und heißem Tee suchen die Mitarbeiter vom SKM nachts die Plätze auf, an denen sie Obdachlose vermuten. Manchmal bekommen sie einen Tipp vom Ordnungsamt: „Kümmert euch mal um den.“ Gerhard Völk (Bild unten links) ist ehrenamtlicher Helfer beim SKM. Christine Weser freut sich über ein volles Deckenlager. Was sie für die Obdachlosen braucht, sind Unterwäsche und Kaffee, Zucker, Kondensmilch.
    Mit warmen Decken und heißem Tee suchen die Mitarbeiter vom SKM nachts die Plätze auf, an denen sie Obdachlose vermuten. Manchmal bekommen sie einen Tipp vom Ordnungsamt: „Kümmert euch mal um den.“ Gerhard Völk (Bild unten links) ist ehrenamtlicher Helfer beim SKM. Christine Weser freut sich über ein volles Deckenlager. Was sie für die Obdachlosen braucht, sind Unterwäsche und Kaffee, Zucker, Kondensmilch. Foto: Fotos: Annette Zoepf

    Bei Arthur (Name von der Redaktion geändert) stand es Spitz auf Knopf. Sie fanden ihn nachts im Vorraum einer Bankfiliale. Der Mann hatte bereits Erfrierungen am ganzen Körper. Die Haut war bis tief ins Gewebe entzündet, er roch. Jetzt liegt er im Klinikum und wird behandelt. Weil sie ihn rechtzeitig gefunden haben.

    Sie – das sind die ehrenamtlichen Helfer und Mitarbeiter vom Sozialdienst katholischer Männer (SKM). Seit dem Kälteeinbruch fahren sie nachts mit dem roten Kleinbus der Wärmestube neuralgische Ecken und Plätze im Stadtgebiet ab und kümmern sich um Obdachlose. Die Helfer versorgen sie mit dem Nötigsten – einer Decke, einem Schlafsack, heißem Tee.

    Auch Samstagnacht machten sich Gerhard Völk und SKM-Sprecherin Pia Haertinger wieder auf den Weg durchs nächtliche Augsburg. Es ist 22.30 Uhr und bitterkalt, minus 16 Grad. Christine Weser und Amea Abdulwahab beladen den Kleinbus mit Decken, Isomatten, Schlafsäcken, mit warmen Jacken, Butterbrezen, zwei Thermoskannen Tee, Sandwiches und Süßigkeiten.

    Die erste Station auf der Tour ist der Oberhauser Bahnhof. „Es gibt Stellen wie Unterführungen, Brücken, Parkhäuser, Bunker oder Abrisshäuser – die bieten sich an zum Übernachten, wenn man auf Platte ist“, erzählt Völk. Die Tour variiere daher immer ein wenig, alle Plätze schaffe man nie in einer Nacht. Oft bekommt der SKM Tipps. Vom Ordnungsamt, von der Polizei, von Bürgern, die sagen: „Ich habe da einen sitzen sehen, der sah aus, als ob er friert.“ Dann fahren die Ehrenamtlichen hin.

    Völk schnappt sich eine Decke und die Thermoskanne. Aber diesmal umsonst. In der Unterführung, oben am Bahndamm, rechts neben dem Bistro – Völk sucht die Gegend mit geübtem Auge ab, fragt Taxifahrer. „Nein“, die schütteln den Kopf. Sie haben schon zwei, drei Tage keinen Obdachlosen mehr hier gesehen. „Das habe ich mir schon gedacht, es ist einfach zu zugig“, erklärt Völk.

    23 Uhr. Nächster Halt ist das Übergangswohnheim in der Johannes-Rösle-Straße. Die Stadt nimmt hier jeden auf, der will, und die Menschen haben ein Dach über dem Kopf. Der SKM fährt das Haus dennoch an. „Wir wollen ja Vertrauen zu den Menschen aufbauen, wollen, dass sie regelmäßig in die Wärmestube kommen und eines Tages wieder einen festen Wohnsitz finden“, erklärt Pia Haertinger. Das gelinge gar nicht so selten.

    „In Augsburg“, schätzt Haertinger, „leben etwa 30 Menschen tatsächlich ohne Obdach. Jeder Vierte ist eine Frau.“ Mehrere hundert Menschen in Augsburg lebten laut Haertinger in prekären Wohnverhältnissen, das heißt, ohne festen Mietvertrag, in Notunterkünften, bei Freunden, in Pensionszimmern.

    Die Männer vor dem Übergangswohnheim kann Völk mit dem Tee nicht locken. Sie trinken Bier, der Ton ist etwas rauer als üblich. Völk redet ein bisschen mit ihnen, dann geht es weiter, zum Hauptbahnhof.

    Es ist 23.30 Uhr. Routiniert greifen Völk und Haertinger nach Decken, der Kanne, dem Eimer mit den Tassen, den Sandwiches. Am Hauptbahnhof steht ein junger Mann und raucht. Er wirkt verstört, trägt nichts außer Jeans und Sweatshirt und schlottert vor Kälte. Den Becher heißen Tee nimmt er mit zitternden Fingern. Völk geht zum Auto und holt Jacke, Schal, Mütze und Handschuhe. Ja, er habe eine Wohnung, ganz in der Nähe, sagt der junge Mann. Aber dahin könne er gerade nicht zurück, weil er Angst vor seinen zwei Mitbewohnern hat. „Wenn die getrunken haben, werden sie so aggressiv.“

    Die Gründe, warum jemand obdachlos wird, seien vielfältig, erklärt Knut Bliesener. „Selten führt ein einzelnes Ereignis zu Wohnungslosigkeit. Oft kommen Scheidung, Arbeitslosigkeit, physische und/oder psychische Erkrankungen zusammen“, so der Sozialarbeiter. Wohnungslose Frauen sind ihm zufolge sehr oft Opfer von sexualisierter Gewalt – „vorher und nachher“. Der Sozialpädagoge fordert wegen der Vielfältigkeit der Probleme die Einrichtung einer Streetworker-Stelle beim SKM. „Wichtig wäre, dass das, was momentan die Ehrenamtlichen zu leisten versuchen, kontinuierlich fortgesetzt wird“, sagt er. Der Streetworker könnte die Leute dort aufsuchen, wo sie leben, vertrauensbildende Gespräche führen. „Die Scheu, in die Wärmestube zu kommen, ist bei manchen groß.“

    Inzwischen geht es auf Mitternacht zu, es hat minus 17 Grad Celsius. Gerhard Völk lenkt den Bus in die Fuggerstraße. Vom Ordnungsamt hat er den Tipp bekommen, dass sich im Parkhaus eine ältere Frau aufhält. Wieder der Griff zu Decke, Kanne, Eimer. Er läuft von Stockwerk minus acht bis plus fünf, öffnet Türen, schaut in Nischen. Nichts. Völk wirkt beinahe ein wenig enttäuscht. „Nein“, sagt er, „wenn wir keine Obdachlosen finden, ist das eher ein gutes Zeichen. Dann sind die Leute untergekommen, zumindest vorübergehend.“ Andererseits freue er sich über jeden, dem er helfen kann. Wie dem Mann am Hauptbahnhof. Oder letzte Woche dem Mann in der Bank.

    Notruf-Telefon Für die Kälteperiode hat der SKM ein Notfalltelefon eingerichtet. Wer einem Obdachlosen begegnet, der Hilfe braucht, kann sich dort melden: 0151/14474339. Außerdem ist die Wärmestube auch am Samstag (10 bis 16 Uhr) geöffnet.

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