Eine alte Dame ist Stammkundin einer Konditorei. Sie kommt täglich und kauft fünf, sechs Stück Kuchen. Die Verkäuferinnen wundern sich. Sie wissen, dass die Frau alleinstehend ist. Hier setzt die Arbeit von Demenzpaten an. Herbert Steierer übte diese ehrenamtliche Aufgabe seit drei Jahren aus. Der Begriff ist irreführend, wie er selbst sagt. „Wir sind nicht für die Betreuung von Dementen verantwortlich.“ Vielmehr gehe es darum, eine Patenschaft für das Thema Demenz in der Öffentlichkeit zu übernehmen.
Also geht Steierer in Kirchengemeinden, zu sozialen Einrichtungen oder eben zum Bäcker nebenan und informiert über die Krankheit, von der in Augsburg 4000 Menschen betroffen sind. Die Zahl steigt, denn die Menschen werden immer älter. Wenn die Integration der Betroffenen nicht gelingt, werden Demente aus der Gesellschaft ausgeschlossen. „Es geht um die Menschenwürde, die bis zum Lebensende besteht“, gibt Steierer zu bedenken.
2006 wurde das „KompetenzNetz Demenz“ vom Social Invest Consult (sic) ins Leben gerufen. Mittlerweile sind 24 Demenzpaten in den Stadtteilen aktiv. Sie stehen Angehörigen, aber auch für soziale Einrichtungen als Ansprechpartner zur Verfügung. „Es herrscht große Unwissenheit“, erklärt Steierer. Daraus resultieren Angst und Zurückhaltung den Betroffenen gegenüber. „Man will keinen Fehler machen – also machen die meisten gar nichts.“
Steierer hat die Stadien der Alzheimer-Erkrankung bei seinem Vater miterlebt. „Damals habe ich gemerkt, dass sensible Betreuung ohne entsprechendes Wissen sehr schwierig ist.“ Heute engagiert sich der selbstständige Diplomkaufmann in der Tagesklinik, die sein Vater besucht hat. „Ich will den Kontakt zu den Dementen mit in die Arbeit als Demenzpate nehmen“, sagt der 58-Jährige. Im Altenheim steht er jungen Praktikanten zur Seite, die noch unerfahren im Umgang mit den Betroffenen sind.
Auch Gabriela Keymling kam über die Betroffenheit zu den Demenzpaten. Zehn Jahre lang begleitete sie ihren erkrankten Vater. Jetzt setzt sie sich im „KompetenzNetz Demenz“ vor allem für die Aufklärung von Jugendlichen ein, die sich in Altersheimen engagieren wollen.
Alleine können die Demenzpaten das Problem nicht stemmen. „Wir arbeiten mit Personen, die gesellschaftliche Positionen einnehmen. Die geben die Hinweise von uns weiter“, erklärt Judith Ergenz, Leiterin des Projekts. Auf diese Weise hoffen die Paten, dass die Gesellschaft sensibilisiert wird. „Wir müssen lernen, aufeinander aufzupassen“, sagt Steierer.
Die alte Frau und der Kuchen
Die Konditorei-Verkäuferinnen haben aufgepasst. Die alte Frau zu fragen, was sie denn mit all dem Kuchen wolle, wäre nicht zielführend gewesen, meint Steierer. Also haben sie der eifrigen Käuferin täglich nur ein Stück Kuchen in einer extragroßen Verpackung mitgegeben.