Na, das ist ja ganz bezaubernd: Die Polizei fasst einen Graffiti-Zeichner und ein Aufschrei der Entrüstung hallt durch die ganze Stadt. Viele Augsburger lieben die Graffiti des namentlich Unbekannten – genauer gesagt: Sie lieben die Art, wie die Augsburgblume manch triste, graue Ecke ziert. Der Blumen-Maler hat vor einem Jahr damit begonnen, Augsburg ein florales Denkmal zu setzen: Mal lugt die Blume winzig klein aus dem Eck eines Verteilerkastens hervor, mal glotzt sie riesengroß von einem Müllcontainer, mal versteckt sie sich im Eck eines Zigarettenautomaten, mal tanzt sie neben einer zweiten Blume. Und sie treibt es schwarz. Mit schnellem Strich gezeichnet, hat sie innerhalb eines Jahres im Herzen vieler Augsburger Wurzeln geschlagen. Der unbekannte Künstler hat damit das geschaffen, woran findige PR-Profis seit Jahren basteln: Augsburg eine urbane Identität zu geben. Die Stadt soll – suggerieren Marketing-Botschaften – als junge Lifestyle-Stadt mit viel Tradition wahrgenommen werden. Der Kulturpark West, das Modular-Festival und solch charmante Kampagnen wie die „Lebe mich“-Pflasteraufkleber gehen schon länger diesen Weg. Der Image-Bogen über Augsburgs Dächern wird weit gespannt: Über das Grantler- und Datschikuchen-Klischee hinweg zum urbanen Ort für junge Kreative. Die Augsburgblume hat es geschafft, neben der Zirbelnuss, den Lebe-mich-Sprüchen und dem Modular-M in sehr kurzer Zeit ein identitätsstiftendes Moment für das Augsburger Lebensgefühl geworden zu sein. Zugegeben, Idee und Ausführung sind nicht neu, auch in anderen Städten wie Madrid gibt es solche Graffiti. Bereits in den 90er Jahren hat der Künstler Michael de Feo sehr ähnliche Blumen in New Yorks Stadtbild integriert – die sind nach wie vor in Manhattan zu sehen. Das New York Magazine widmete dem Künstler und vor allem seinen Blumen sogar ein Titelbild – unter der Überschrift: „Gründe, New York zu lieben.“ Auch Augsburg liebt seine Blumen und die Blumen sind einer der vielen Gründe, weshalb Augsburg so liebenswert ist. Möglicherweise heißt ja die neue City-Kampagne nicht mehr „Lebe mich. Dein Augsburg“, sondern „Liebe mich. Deine Augsburgblume“? Auch wenn dieser Spruch vielen aus der Seele spricht, einige ärgern sich über die Graffiti-Kunst. Der Blumen-Maler hat fast 500 Graffiti in der Stadt verteilt. Das zählt als Sachbeschädigung. Und wenn die Blume auf dem Privatauto oder der frisch angestrichenen Hauswand erblüht, ist das für die Besitzer nicht lustig, sondern nur ärgerlich. Aber davon abgesehen: Der Anblick dieser Blume mit ihren fünf Blütenblättern und dem fein geschwungenen Stiel lockt bei den meisten Passanten ein Lächeln hervor. Mehr noch: Sorgt sie doch in einigen reizlosen Ecken für etwas mehr Lebendigkeit – während im Gegenzug der wunderschöne Rathausplatz mit seinen prachtvollen Gebäuden von einer breiten Asphaltschneise verschandelt wird. Was jedenfalls in den vergangenen Tagen aufgefallen ist: Viele Passanten gehen wieder mit offenen Augen durch die Straßen und freuen sich diebisch, wenn sie eine der Blumen entdecken. Und wenn ein Augsburger künftig diese Blumen-Graffiti – sei es in New York oder Madrid – erblickt, denkt er mit Sicherheit an die Augsburgblume und damit an die Heimatstadt. Und das ist doch wirklich ganz bezaubernd.
Kolumne "Mein Augsburg"