Melissa aus Mexiko sitzt zwischen Kasparas aus Litauen und Allan aus Tansania. Allan sitzt neben Jonathan aus Frankreich, manchmal auch neben Yun Ching aus Taiwan. Es ist fast die ganze Welt, die sich täglich in einem ganz besonderen Masterstudiengang der Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Augsburg trifft. Junge Menschen aus 15 Nationen lernen im Programm „International Business and Finance“, wie man Unternehmen führen und viel Geld verdienen kann. Ein Gefühl für soziale Verantwortung soll sie als Manager aber unbedingt leiten.
Kurz gesagt wird in dem Augsburger Masterprogramm der Nachwuchs ausgebildet, der später in Investmentbanken, Beratungshäusern für Unternehmensverkäufe, internationalen Konzernzentralen, aber auch im Management mittelständischer Unternehmen unterkommen will. Nur wenige dieser jungen Wirtschaftswissenschaftler haben vor, später für gemeinnützige Organisationen zu arbeiten.
Geld und Karriere sollen für die Masterstudenten aber nicht alles sein. Gleich zum Start bekommen die Teilnehmer aus aller Welt, die sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen, eine ganz spezielle Aufgabe: Über soziale Netzwerke im Internet erarbeiten sie gemeinsam ein „Manifest“ mit Grundsätzen für ethisches Verhalten in der Wirtschaft. Hintergrund: Die Hochschule will den angehenden Managern nicht nur Finanz- und Wirtschafts-Know-how vermitteln, sagt Professor Marcus Labbé. „Wir wollen ihnen auch ein Gefühl für soziale Verantwortung mitgeben.“
Student Edwin Kincses, der seine familiären Wurzeln in Ungarn hat, hält das Manifest für einen guten Start in sein Studium. „Es geht nicht nur darum, wie man die Dinge als Deutscher sieht, es geht um die globale Sicht. Das ist für meine persönliche Entwicklung sehr wichtig, finde ich.“
Allan Mutagwaba aus Tansania ist schon gespannt auf das Programm, das ihn erwartet. Er kam aus Afrika zunächst zum Bachelor-Studium in den Schwarzwald. Dort sei er auf das weiterführende Master-Angebot in Augsburg aufmerksam geworden. Jetzt ist er hier und sagt: „Ich glaube, ich habe eine gute Wahl getroffen.“ Auch einen neuen Freund, mit dem er später vielleicht ein Geschäft aufziehen will, hat Allan schon gefunden. Es ist Jonathan Starck aus Paris. „Wir haben ähnliche Auffassungen“, sagt Jonathan. „Wir wollen beide viel Geld verdienen, aber auf eine ethische Weise.“
Im Studium sollen die jungen Leute aus aller Welt nicht nur Theorie lernen. Sie sollen auch möglichst viele Seiten ihrer späteren beruflichen Herausforderungen kennenlernen. Ein großes Thema in aktuellen Fallstudien sei die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, sagt Professor Labbé. Wichtig ist ihm auch, dass die Studenten hochkarätige Akteure aus der Wirtschaft und Finanzwelt kennenlernen. Kürzlich war Ekkhard Issel von der US-amerikanischen Großbank Morgan Stanley zum Vortrag an der Hochschule. Issel ist Mitglied der Geschäftsführung von Morgan Stanley in Deutschland. Auch Vertreter anderer bekannter Finanzunternehmen, über die fast täglich in den Medien berichtet wird, kommen als Gastreferenten nach Augsburg – von der amerikanischen Investmentbank Lazard genauso wie von Goldman Sachs, von der Ratingagentur Standard & Poor’s wie auch von der Deutschen Bank.
Zu Wort kommen aber auch die Kritiker des sogenannten Turbo-Kapitalismus. Manchmal sitzen die Studenten im Seminarraum wie im Kino. Beispielsweise, wenn der Dokumentarfilm „Let’s Make Money“ von Erwin Wagenhofer zum offiziellen Lehrstoff im Studium wird. Der Film zeigt mit drastischen Beispielen, wie reiche Staaten in Entwicklungsländer investieren, um sie letztlich auszubeuten. Erzählt wird auch, wie gigantische Immobilienspekulationen ganze Landschaften und Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort ruinieren. Professor Labbé gibt seinen Studenten am Ende des Films noch den Appell mit auf den Weg, den Dingen auf den Grund zu gehen. „Fragt immer nach dem warum.“
Jonathan aus Paris meint nach dem Film fast kämpferisch: „Es gibt auch andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen, als andere Leute auszubeuten.“ Cinthya Valero findet es wichtig, den eigenen Blick zu schärfen. „Bei uns in Mexiko gibt es viel Korruption. Ich möchte später ein Vorbild dafür sein, wie man auch anders Erfolg haben kann.“
Unter den Studenten wird über Fairness im Wirtschaftsleben viel geredet. Noch mehr genießen sie aber ihr Umfeld mit Gleichaltrigen aus so vielen unterschiedlichen Nationen, mit denen sie studieren dürfen.
„Man kann Erfahrungen teilen und diskutieren, wie Wirtschaft in verschiedenen Ländern funktioniert“, freut sich Kasparas Tolkusinas aus Litauen. „Ich habe in Augsburg aber nicht so viele Leute aus aller Welt erwartet.“