An der Uni Augsburg ist der große Hörsaal seit vier Wochen besetzt. Und die Stimmung ist angespannt. Protestierende Studenten befürchten, dass die Universität ihnen über Weihnachten Strom, Heizung und den Internetanschluss abdreht. Dann würde es im Audimax ziemlich dunkel und kalt und werden. Vizepräsident Werner Wiater versicherte, ein solches Vorgehen sei von der Unileitung nicht vorgesehen. Gestern Abend beschloss die Kultusministerkonferenz zudem Reformen, verbunden mit dem Aufruf, den Boykott von Vorlesungen einzustellen.

Von Eva Maria Knab und Angela Effenberger
Nicht nur in Augsburg, auch bayern- und bundesweit wird kontrovers diskutiert, wie lange die Studentenproteste für bessere Bildung noch dauern sollen. Von einer "prekären Lage" redet inzwischen Inga Thiemicke, Sprecherin der Liberalen Hochschulgruppe an der Uni. Von der anhaltenden Besetzung des Großen Hörsaals seien viele Studenten negativ betroffen. "Bei den Wirtschaftswissenschaften fallen dadurch viele Vorlesungen aus", sagt sie. Das sei gerade jetzt in der Prüfungszeit schwierig.
Die Besetzer des großen Hörsaals wehren sich gegen solche Vorwürfe. "Wir haben von Anfang an geholfen, Ersatzräume für Vorlesungen zu finden", sagt Mathias Fiedler. Sie wollen das Audimax bis auf Weiteres besetzt halten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Es geht um eine Reform der verschulten Bachelor- und Masterstudiengänge, um bessere Lernbedingungen in überfüllten Hörsälen und mehr Mitspracherecht für Studenten. In der Augsburger Protestbewegung begrüßte man den Reformbeschluss der Kultusminister gestern Abend als einen Schritt in die richtige Richtung. "Wir werden unseren Boykott aber nicht sofort abbrechen", sagte Mathias Fiedler.
Bislang zeigte die Unileitung in Augsburg viel Verständnis für den Studentenprotest. Inzwischen sei die Stimmung aber etwas gereizt, sagen Hörsaalbesetzer. Offenbar versuche man, die Studenten quasi durch die Hintertür aus dem Audimax herauszubekommen. Als Politik der kleinen Nadelstiche werten sie, dass in der Aula vor dem Hörsaal kein warmes Abendessen mehr für die Besetzer gekocht werden darf. Das sei ihnen mit Hinweis auf den Brandschutz schriftlich untersagt worden. Derzeit müssen die Studenten die Mahlzeiten im Freien außerhalb des Campus zubereiten.
Bei Räumung solidarisch
Zwar war an der Uni Augsburg bisher nie von einer zwangsweisen Räumung des Audimax die Rede. Das würde wohl auch dem laufenden Protest neue Nahrung geben. Denn bayernweit gibt es eine Vereinbarung zwischen Studenten der besetzten Universitäten, dass bei einer Räumung die Proteste gemeinsam verstärkt werden. Inzwischen denken aber offenbar einige Professoren in Augsburg laut darüber nach, wie man den Besetzern im Audimax den Saft abdrehen könnte.
Konkret geht es um die Frage, ob man über Weihnachten Strom, Heizung und den Internetanschluss abschaltet. "Es sind private Überlegungen von Einzelnen aus der Unileitung", weiß der Student Sebastian Schölch vom Streiklager aus Gesprächen. Offiziell gebe es von der Unileitung dazu aber keine Überlegungen oder gar Beschlüsse, betont Vizepräsident Wiater. Vielmehr werde man den Besetzern einen Schritt entgegenkommen.
In den nächsten Tagen sollen die Studenten Informationen bekommen, was die Unileitung zur Reform der umstrittenen Bologna-Studiengänge konkret vorhat, sagt Wiater. Erste Überlegungen dazu gebe es schon seit Sommer und nicht erst seit dem Streik.
Gestern beschäftigten die Studentenproteste die Kultusministerkonferenz in Bonn. Sie beschloss am Abend radikale Reformen. Begleitet war das Treffen von Protesten tausender Studenten. Allein in Augsburg gingen noch einmal über 1000 Schüler und Studenten auf die Straße, um Verbesserungen in der Bildungspolitik einzufordern. Beim Demonstrationszug vom Königsplatz durch die Innenstadt und zurück waren wieder lautstark Trommeln, Trillerpfeifen und Parolen zu hören.
"Wir machen solange weiter, bis wir etwas erreicht haben", sagt Organisator Silvio Heidbüchel. Auf Plakaten steht, was die Studenten denken: "Wir sind doch keine Bachelor-Versuchskaninchen."
»Einblick, Seite 8
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