"Eine Mischung aus allem", meint Joachim Grillenberger vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst. Er betreut mehrere Schulen in Augsburg, auch die Erstklässler der St.-Georg-Volksschule. Nach seiner Erfahrung gibt es in jeder Klasse ein Kind mit ADS-Symptomatik. Doch bei Weitem nicht alle müssten medikamentös behandelt werden. Seiner persönlichen Statistik zufolge brauchen von zehn ADS-Kindern zwei ein Medikament, weil sie durch einen genetischen Defekt oder eine Stoffwechselstörung unter ADS leiden. Doch seiner Erfahrung nach bekommen 50 Prozent der Kinder mit ADS-Symptomen Tabletten verschrieben.
Dabei würde bei vier von zehn Kindern eine "Doppel-Z-Therapie" helfen: Zeit und Zuhören. Bei diesen Kindern habe das Zappeln und Nicht-Zuhören eine anderen Hintergrund. "Wir muten unseren Kindern Lebensumstände zu, die Aufmerksamkeitsstörungen produzieren", sagt Grillenberger und nennt ein Beispiel: Ein Kind mit ADS-Symptomen kam zu ihm, er hörte ihm lange zu und fand heraus: Das Kind hatte Angst, dass die Eltern sich trennen.
"Mir fällt auf, dass die Idee, dass Erwachsene zuständig sind, Kinder zu erziehen, immer mehr in den Hintergrund tritt. Erziehungsaufgaben werden delegiert an Psychologen, Therapeuten, Polizei und Lehrer", sagt Grillenberger. Viele Kinder seien desorientiert, weil die Erwachsenen ihnen keine Grenzen setzen und Eltern wenig Zeit hätten.
Der Sonderpädagoge fordert eine seriöse Diagnostik. Ein Fragebogen, den Eltern ausfüllen müssen, sei definitiv zu wenig. Zu schnell werde ein Medikament verschrieben, mit dem die Symptome behandelt werden, aber nicht die Ursachen.
Die Wirkung von Ritalin & Co (Wirkstoff Methylphenidat) sei faszinierend, meint Grillenberger. Kinder sind nach einer Stunde ruhig, sogar die Handschrift verändert sich. Doch was löst man damit in diesen Kindern aus? "Ich bin böse und mit dem Medikament werde ich wieder lieb", dies sei die Botschaft. Eine begleitende Therapie sei wichtig. So könnten die Kinder auch lernen, mit ADS umzugehen, wie sie es beeinflussen und sich selber helfen können.
Eltern rät Grillenberger:
l weniger Reden, mehr Zuhören,
l klare Botschaften geben, l reizreduzierte Tagesabläufe und klare Zeitstrukturen schaffen,
l positive Rückmeldungen geben, weniger schimpfen,
l Kommunikation über Berührung funktioniert gut,
l Kinder auch mal in Ruhe lassen. Denn die restlichen vier der zehn Kinder aus Grillenbergers persönlicher Statistik haben allen Grund, hibbelig zu sein: weil etwa der kleine Bruder bei den Hausaufgaben stört oder der Fernseher permanent läuft.
Auch betont Grillenberger: "Kinder mit ADS sind nicht doof. Es sind Kinder mit besonderer Verhaltensoriginalität." Und die gibt es schon lange: Das bekannteste ADS-Kind ist der Zappelphilipp aus dem "Struwwelpeter". Und auch Thomas Edison, der Erfinder der Glühlampe, soll ADS gehabt haben.
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Die AZ begleitet die Klasse 1a der St.-Georg-Volksschule ein Jahr lang. Donnerstags lesen Sie in der Serie "Die AZ kommt in die Schule", was die Kinder erlebt haben, oder Tipps für Eltern.