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Theater Augsburg: Revolte im Publikum

Theater Augsburg

Revolte im Publikum

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    Zerrüttet, verzweifelt, entblößt: Schauspieler Toomas Täht hat in der „Fledermaus“ eine der schwierigsten Stellen zu meistern. Während seines Monologs brachen die Zuschauer bei den ersten beiden Aufführungen reihenweise in Buh-Rufe aus, manche verließen sogar das Theater.
    Zerrüttet, verzweifelt, entblößt: Schauspieler Toomas Täht hat in der „Fledermaus“ eine der schwierigsten Stellen zu meistern. Während seines Monologs brachen die Zuschauer bei den ersten beiden Aufführungen reihenweise in Buh-Rufe aus, manche verließen sogar das Theater. Foto: Foto: A.T. Schaefer/ Theater Augsburg

    Kurz nach Beginn des dritten Aktes ist Schluss: Die Besucherin im ersten Rang verlässt wütend die Aufführung. „Strauß“, sagt sie noch, „hätte sich im Grab umgedreht“. Es ist der Moment, in dem an diesem Donnerstagabend die Stimmung im Theater für Momente kippt. Schauspieler Toomas Täht steht vorne vor der ersten Zuschauerreihe – in Unterhosen und einer Uniformjacke – und hält einen Monolog. Es geht um Alkohol, um Gewalt, ums Ausgeliefertsein. Aus dem Publikum kommen laute Rufe: „Aufhören!“ „Es reicht.“ „Faxentheater.“

    Selten hat eine Inszenierung in Augsburg solche Reaktionen ausgelöst wie diese „Fledermaus“ von Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. „Normalerweise wird oben auf der Bühne gespielt und unten wird zugeschaut“, sagt der 31-Jährige. Schon bei der Premiere sei dieses Schema durchbrochen worden. An einigen Stellen habe es schon fast Revolten im Publikum gegeben. „Noch nie habe ich solch lautstarke Beschimpfungen mitten in der Bühnenaktion erlebt“, sagt auch Sänger Giulio Alvise Caselli.

    Christel Märklstetter (67) und ihre Mutter Helene Kretsch (90) können das nachvollziehen. Die beiden Besucherinnen schauen sich die Aufführung am Donnerstag nicht bis zum Ende an. „Das war einfach nur furchtbar. Ich habe immer überlegt, was das mit der ,Fledermaus‘ zu tun haben soll“, ärgert sich Helene Kretsch. Nur an der Musik habe sie erkannt, was sie anschaut.

    Auch Gisela und Gerd Heim sind empört. „Miserabel“ finden sie die Inszenierung. „So etwas Verhunztes haben wir noch nie gesehen.“ Diese Fledermaus ist ihnen zu modern, mit dem Original habe sie nichts zu tun. Sie bleiben zwar bis zum Ende, wollen Intendantin Juliane Votteler aber einen Brief schreiben.

    Ingrid Hanisch sind einige Szenen zu primitiv: Beim Fest des Prinzen Orlofsky trinken die Gäste Sekt aus Flaschen, Kammerjungfer Adele wird vor aller Augen vergewaltigt. „Das hätte ich nicht gebraucht“, sagt die Königsbrunnerin Hanisch. Sie hätte sich eine „normale“ Fledermaus gewünscht – „wo doch schon die Carmen nicht so war, wie man sich eine Carmen vorstellt“.

    Doch es gibt auch andere Stimmen aus dem Publikum. Sonja Schneider hält manche Details für zu „kasperlhaft“, Sänger und Ballett aber seien einfach wunderbar. Und Verena Beschinsky, die Lehramt mit Drittelfach Musik studiert, amüsiert sich: „Die Inszenierung ist ungewöhnlich modern, aber mir gefällt sie sehr gut.“

    In einem Publikumsgespräch im Anschluss an die Aufführung betont Chefdramaturgin Katharina John später, dass das Theater sein Publikum „weder verschrecken noch provozieren“ möchte. Sie beruft sich auf die Ursprünge der Operette: „Als sie um 1840 in Paris entstand, war sie sehr frei, frech, ja sogar pornografisch.“ Diese umstürzlerische Kraft sei ihr erst in der NS-Zeit ausgetrieben worden.

    Regisseur Arnarsson waren die typischen Fledermaus-Inszenierungen zu verharmlosend: „Da dürfen Männer den Frauen an die Brust grapschen und alle finden das lustig.“ Seine Inszenierung, sagt er, will diese Spaßgesellschaft vorführen. Dass dies auf manche Zuschauer befremdlich wirken mag, versteht er: „Gerade am Beginn des dritten Aktes erwarten sie einen komischen Monolog, bekommen ihn aber nicht.“ Erschüttert ist er auch nach der zweiten Aufführung nicht: „Ich bin eher froh, dass die Menschen bereit sind, in diesem Stück über eine Grenze zu gehen.“

    Für das Ensemble ist diese „Fledermaus“ eine interessante Erfahrung. „Ich habe das zum ersten Mal erlebt, dass ich vor dem Publikum stehe und einen Meter entfernt einer ruft, ich solle aufhören mit dem Scheiß“, sagt Toomas Täht. Auf eine solche Situation könne man nur spontan reagieren.

    Cathrin Lange, die die Adele spielt, hat zum ersten Mal das Gefühl, „dass in der Oper Emotionen erzeugt werden“. Den Sängern und Schauspielern, sagt sie, „gibt dies völlig neue Anreize zum Spielen“. Ähnlich denkt ihr Kollege Giulio Alvise Caselli: „Man sollte bedenken, dass das Theater kein Museum ist, sondern etwas Lebendiges, das in und von der Gegenwart lebt.“ Und wenn es die Besucher zum Diskutieren anrege – umso besser.

    Publikumsgespräch Besucher, die sich im Anschluss an die „Fledermaus“ mit Ensemble und Theaterleitung austauschen möchten, können dies am 21. Februar, am 2. März und am 5. April nach Ende der Vorstellung (22.45 Uhr) tun.

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