Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten

Gesellschaft: SOS bei Familie Schmidt

Gesellschaft

SOS bei Familie Schmidt

  • |
  • |
  • |
    Familie Schmidt, hier am Küchentisch versammelt, wird von Andreas Knapp, Sozialpädagoge der SOS-Familienhilfen (vorne rechts), betreut.
    Familie Schmidt, hier am Küchentisch versammelt, wird von Andreas Knapp, Sozialpädagoge der SOS-Familienhilfen (vorne rechts), betreut. Foto: Foto: Andreas Lode

    Das Ideal der glücklichen Familie wird gerade in der Weihnachtszeit gern strapaziert. Die Realität sieht oft anders aus. Allein in Augsburg werden 800 Familien regelmäßig betreut. So wie die Familie Schmidt aus Pfersee, um die sich die SOS-Familien- und Jugendhilfen Augsburg kümmern.

    Vater Michael, 44, fährt nachts Lkw, tagsüber jobbt er bei einer Umzugsfirma, um sein Gehalt aufzubessern. Bei vier Kindern zwischen 13 und 18 Jahren ist das Geld schneller weg als der Monat vorbei. Mutter Anya, 44, die mit dem Haushalt schon ausgelastet wäre, kümmert sich zusätzlich um ihre eigene Mutter. Nun versorgt sie in der Mietwohnung auch noch übergangsweise ihre zwei Brüder. Nein sagen kann und will sie nicht. Dabei plagen Anya Schmidt gesundheitliche Probleme. Wenn es gar nicht mehr geht, erhält sie in der Arztpraxis eine Infusion, dabei müsste sie ins Krankenhaus.

    Die Kinder haben tief liegende Probleme

    Als 2004 der älteste Sohn Christopher an Bulimie erkrankte und bis auf lebensbedrohliche 29 Kilo abmagerte, holte sich Familie Schmidt erstmals professionelle Hilfe ins Haus. Bewilligt hat sie das Amt für Kinder, Jugend und Familie. Andreas Knapp, Sozialpädagoge im Team der Ambulanten Hilfen der SOS-Jugendhilfen, betreute die Familie Schmidt damals – und auch heute wieder. Christopher, inzwischen 18, wiegt nunmehr 60 Kilo, wirkt aber immer noch wie ein Schlacks. Sein 13-jähriger und jüngster Bruder dagegen ist viel zu dick – eine Essstörung, die auf tiefer liegende Probleme hindeutet.

    An der Lösung arbeitet Knapp seit Anfang des Jahres im Auftrag des Jugendamtes mit. Er kommt zweimal pro Woche zur Familie, bietet Hilfe zur Selbsthilfe, macht Vorschläge, vermittelt. Er agiert auf Augenhöhe, die Verantwortung liegt bei seinen Klienten. „Ich mache nichts für die Familie, sondern mit der Familie.“ Das erfordert Einfühlungsvermögen und Geduld, schließlich muss Knapp von der Familie akzeptiert werden, ohne dabei die nötige Distanz zu verlieren. „Klar müsste ich mich mehr um die Kinder kümmern – nur wann?“, fragt sich Michael Schmidt, Vater einer Familie, in der Geld und Zeit knapp sind; einer Familie, der es an Muße fehlt, um die Dinge mit Abstand zu analysieren, weil jeder mit sich selbst mehr als beschäftigt ist; einer Familie, die nur sonntags gemeinsam am Frühstückstisch sitzt.

    Andreas Knapp ist für Mutter Anya ein wichtiger Ansprechpartner, der sie auf die Grenzen der Belastbarkeit hinweist, beim Gang zur Lehrersprechstunde begleitet und sie für die Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisiert. Dass sich das Ehepaar nun ab und an eine Stunde Zeit für einen Spaziergang nimmt, ist schon ein kleiner Fortschritt. Und der Beziehung tut die neu gewonnene Zweisamkeit obendrein gut.

    So wie die Schmidts erhalten 800 Familien in Augsburg ambulante Hilfe. „Sie kommen aus allen Schichten: vom Uniprofessor bis zum Hartz-IV-Empfänger“, sagt Manfred Klopf, stellvertretender Leiter des Jugendamtes. Die 170 Mitarbeiter der Behörde überprüfen die familiäre Situation und bewilligen dann zum Beispiel soziapädagogische Familienhilfe.

    Wenn Kinder – anders als bei Familie Schmidt – gefährdet sind, könnte das Jugendamt auch die Betreuung in einer Tagesgruppe oder einem Heim veranlassen. 420 Kinder und Jugendliche in Augsburg leben im Heim oder einer Pflegefamilie. Doch das ist die letzte Lösung, wenn ambulante Hilfen nicht mehr ausreichen.

    Ganz anders bei Familie Schmidt. An ihr schätzt Knapp die Bereitschaft, die Probleme anzupacken. „Da lässt sich was bewegen“, meint Knapp, selbst Familienvater. Ein Blick zur Uhr, dann verabschiedet er sich zum nächsten Termin, zur nächsten Familie. An Arbeit wird es auch in Zukunft nicht mangeln.

    Seismograf für schwierige Zeiten

    Denn gerade in schwierigen Zeiten geraten nicht nur Firmen, sondern auch immer mehr Familien in Schieflage – und das bei dem ohnehin schon hohen Armutsrisiko in Augsburg. Die Familienhilfe ist wie ein Seismograf dafür.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden