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19. Juli 2010 05:19 Uhr

Schönheit auf den zweiten Blick

Das G ist umgefallen. Der Buchstabe aus der grünstichigen, metallenen Werksaufschrift der Kammgarn Spinnerei zeigt den ganzen Niedergang einer einst so stolzen Industrie an. Die Fotografin Sigrun Lenk hat die Fehlstelle entdeckt und festgehalten - wie so viele Details aus dem Augsburger Textilviertel. Zur Architekturwoche präsentiert sie einen Bilderbogen passend zum Leitmotto "Umbruch. Abbruch. Aufbruch".

Seit einem Jahrzehnt streift die Architekturfotografin immer wieder durch die alten Industriequartiere ihrer Heimatstadt - obwohl sie jetzt in Freising lebt. "Ich bin alle zwei Wochen hier, mal kürzer, mal länger und bekomme sehr viel mit, was sich hier tut", erzählt Lenk.

Mit alten Gebäuden befasst sie sich schon 25 Jahre. Die Liebe speziell zum Textilviertel entbrannte 1999, und das hatte einen familiären Hintergrund: "Mein Vater ist am Schäfflerbach aufgewachsen." Gerade wurde die NAK (Neue Augsburger Kattunfabrik) am Vogeltor abgerissen und Lenk konnte nur noch wenige Bilder vom alten Bestand schießen. Das Fabrikschloss war eine Ruine, der Glaspalast und die Schülesche Kattunfabrik befanden sich in jämmerlichem Zustand.

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Sigrun Lenk geht wie auf Expedition vor. Sie lässt sich überraschen von Details, die sie entdeckt, sei es die von Färberei-Chemie zerfressene Wandfarbe, die abblättert, oder die auf nackten, angerosteten Rohren stehende Waschbecken-Zeile in den ehemaligen Arbeiterumkleiden. Sie sieht die sorgfältig ausgearbeiteten Spitzen der schmiedeeisernen Fabrikzäune, das antikisch anmutende Kapitell in der Kälberhalle, das Gewirr von Röhren. Genauso dokumentiert sie Spuren des Verlorenen: das Sägezahnmuster abgerissener Shedhallen, den Rußabdruck der alten Ladenaufschrift, die rauen Betonbrocken auf den Abbruchhalden der Industriebrache.

"Ich bearbeite meine Fotos nachträglich so wenig wie möglich, sondern ich versuche, sie im Entstehen möglichst perfekt zu machen", betont Sigrun Lenk, die 1978 an der Fachhochschule Augsburg als Diplomdesignerin abschloss. Licht und Perspektive sollen stimmen. "Ich lass mir was einfallen, um zum Ziel zu gelangen", sagt Lenk. Sie steigt auf Leitern, zwängt sich durch eine Zaunlücke, wartet den richtigen Sonnenstand ab. "Die einzige Manipulation, die ich benutze, ist darauf zu achten, dass das Licht optimal einfällt. Sonst wird alles unberührt belassen." Soll doch ein Band flattern, eine Schaufel rumstehen.

Trotzdem gelingt der Fotografin, die seit 2006 auch am Gartenkalender der Mediengruppe Pressedruck mitwirkt, mehr als das Festhalten eines Ist-Zustandes. "In meinen Bildern ist der Übergang zur künstlerischen Aussage fließend." Sie setzt den Rahmen, bestimmt die Wahrnehmung. Das Alte fasziniert sie genauso wie das Neue, das entsteht.

Sigrun Lenks Fotoserie läuft bei jeder Veranstaltung in der Alten Schmiede.

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