Mit Licht und der Kraft von Hell und Dunkel arbeiten beide in ihrer Kunst. Es geht ihnen um den anderen Blick, um ein tieferes, bewussteres Sehen. Doch ansonsten könnten die Werke der 1974 geborenen Fotografin Karen Irmer (Augsburg) und des Altmeisters der Konkreten Kunst, Sigurd Rompza (Jahrgang 1945, Saarbrücken) unterschiedlicher nicht sein.
Die Ecke-Galerie, die Künstlerdialoge dieser Art pflegt, bringt beide nun in einer sehenswerten Doppelausstellung zusammen.
Karen Irmer zeigt Bilder vom Meer. Es sind dunkle Erinnerungsbilder aus einer Traumferne, in der die gewohnte Sicherheit Gültigkeit verloren hat. Wir sehen wogende See, weiß stibende Gischtwolken und Schaumkronen, Himmel und Meer verschwimmen, Möwen tauchen wie Geistervögel auf und unter in diesen dunklen Urgewalten. Man sieht sie erst auf den zweiten, dritten Blick, weil Verborgenes, Geheimnisvolles in diesen Bildern eingeschrieben ist, das sich nicht so einfach offenbart. Wer je an Steilküsten stand, weiß um das laute Tosen und Brausen des Meeres. Doch von Karen Irmers Fotos, und das ist eine anregende Verstörung, geht eine tiefe Ruhe aus. Alles Aufdringliche, Vordergründige, Grelle und Eindeutige ist diesen Seestücken entzogen worden.
Wie eine Meeresströmung leuchtet ein Flaschengrün auf
Auch die Farbigkeit. Das Meer, wie Karen Irmer es an Irlands Küste gesehen hat, wirkt auf den Fotos, die eine starke malerische Qualität haben, wie entrückt aus Zeit und Raum. Das liegt auch an der matten Oberfläche, mit der die Künstlerin ihre Metallicpapierabzüge „versiegelt“.
Etwas Schwebendes, Unbestimmtes, über den Augenblick hinaus Tragendes haben diese Fotografien – wie stets bei Karen Irmer. Mal taucht sie die Szenerie in ein dunkles Tintenblau, dann in ein Nachtgrau. Auf einem Foto leuchtet in dem Zwischenreich der Meeresgrautöne wie eine Strömung ein Flaschengrün auf.
Die Trägheit und das Geschaukel der Wasseroberfläche, die stetige, rätselhafte Bewegung des Ozeans, die ungeheure Energie dieser Kräfte – das vermittelt sich in Irmers Arbeiten still, aber eindringlich.
Dass eine Welle, die sich an der Felsküste bricht, weit, weit über den Ozean angerollt ist – man glaubt, diese Zeitdimension in Irmers Arbeiten zu erspüren. Großformatige und einige kleinere Fotografien zeigt die 37-Jährige, die zuletzt im März 2011 mit einer schönen Einzelausstellung im Kunstverein Bobingen überzeugt hatte, in der das Dunkle, Dämmrige, Unwägbare, das sich der schnellen Wahrnehmung entzieht, ebenso dominierte.
Neben diesen atmosphärisch aufgeladenen Arbeiten hängen die minimalistischen Werke von Sigurd Rompza, einem Vertreter der Konkreten Kunst. Rompza, der Kunst und Wahrnehmung intensiv reflektiert, nennt sie „Sehstücke“.
Seine Wandobjekte aus Holz und Metall, exakt kalkulierte Arbeiten, die mit Winkel, Kante, Abschrägung, Brechung, Licht und Schatten operieren und Wahrnehmungsmuster unterlaufen, sind kühl, haben aber auch meditativen und sinnlichen Charakter.
„Mit meinen Arbeiten stelle ich stets von Neuem mein eigenes Sehen und das der anderen auf die Probe“, sagt Rompza, der als Professor an der Hochschule in Saarbrücken lehrt. Die Strategien, mit denen der Saarländer „Sehen aktivieren“ will, erscheinen raffiniert und einfach zugleich. Lichteinfall, Schlagschatten, Linienführung und Farbgebung helfen auf dem Kopf-Sprung von der Fläche in die Dreidimensionalität.
„Sehen ist nicht passiv, Sehen ist Handeln“
Rompza öffnet Räume für den Betrachter, der bereit ist, im wahrsten Sinne des Wortes Standpunkte und Perspektiven spielerisch zu wechseln. Ganz nach seiner Erkenntnis: „Sehen ist nicht passiv, Sehen ist Handeln.“
Und ein anderer Rompza-Satz taugt als Überschrift zu dieser Doppelschau in der Ecke-Galerie: „Neugier ist der Motor des Sehens.“
Laufzeit bis 3. März. Geöffnet Montag bis Freitag 14–18 Uhr und Samstag 11–14 Uhr. Von beiden Künstlern liegen frische Kataloge auf.