Fast zwei Drittel aller Mädchen und rund die Hälfte aller Jungs in der Region konzentrieren sich bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz auf nur zehn verschiedene Berufe. Schade, sagen Experten. Denn der Lehrstellenmarkt hat viel mehr zu bieten. Wir stellen in einer Serie wöchentlich ungewöhnliche, neue oder auch fast vergessene Berufe vor.
Vor zwei Jahren schrieb die Abfallverwertung Augsburg (AVA) erstmals eine Lehrstelle für die Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft aus. „Das Ergebnis war allerdings ernüchternd, es kam nicht eine Bewerbung“, erinnert sich Sabrina Villafane, Personalreferentin bei der AVA. Damit steht das Unternehmen aber nicht alleine da. Laut Josefine Steiger, Leiterin Ausbildungsberatung und -betreuung bei der Industrie- und Handelskammer, gibt es aktuell in ganz Schwaben nur vier Jugendliche, die die dreieinhalbjährige Ausbildung durchlaufen. Obwohl das Angebot an Lehrstellen deutlich größer wäre.
Zu tun hat dies damit, dass es sich um ein vergleichsweise neues Berufsbild handelt und naturwissenschaftliche Kompetenzen verlangt werden. „Die wichtigste Voraussetzung ist eine gute Mathematiknote. Sich die physikalischen und chemischen Kenntnisse anzueignen ist reine Fleißsache“, sagt Winfried Rietzler. Er ist Ausbilder für die Chemikanten und würde auch die Lehrlinge für Kreislauf- und Abfallwirtschaft bei der AVA betreuen.
Vieles dreht sich um die gesetzlichen Vorgaben
Der Beruf ist laut Gerald Guggenberger, technischer Leiter, auch eine Reaktion auf das sich wandelnde Verständnis. „Früher stand die Entsorgung im Mittelpunkt, heute zunehmend das Recycling.“ Einher damit gehe auch die Frage, wie angelieferte Wertstoffe, Abfall und Gefahrgut getrennt und weiterbehandelt werden. Müll darf beispielsweise nur in den Lagerbunker und später zur Verbrennung, wenn die Zusammensetzung den Vorgaben des Gesetzgebers entspricht. Neukunden müssten auch schon mal abkippen. Dann werde die Ladung mit dem Radlader breit gezogen und angeschaut, so Betriebsleiter Hans Fleischmann.
„Es ist wichtig, dass der Auszubildende die aktuellen Gesetze kennt. Das Abfallrecht ist seine Bibel“, so Guggenberger. Die Mitarbeiter erhalten regelmäßig Schulungen. Hinzu kommt die Berechnung und Bestellung von Rohstoffen, die die AVA für ihr Kraftwerk braucht. So beispielsweise Kalk für die Rauchgasreinigung. Auch einfache Elektriker- und Schlosserarbeiten gehören zu den Ausbildungsinhalten. Bei der Prüfung muss ein Werkstück auf Maß angefertigt werden, so Rietzler.
Trotz der Enttäuschung vor zwei Jahren erwägt die Abfallverwertung Augsburg, im Jahr 2013 erneut eine Lehrstelle auszuschreiben.
In der kommenden Woche stellen wir die Ausbildung zum Bürsten- und Pinselmacher vor.