Die Welt ist im zurückliegenden Jahrzehnt zunehmend virtuell geworden. Und doch brauchen Ideen zu ihrer Entfaltung oft handfeste Räume. In unserer Serie „Kulturlabor“ suchen wir Orte in Augsburg und der Region auf, in denen Neues ausprobiert wird.
Italien-Urlaub, Weihnachten, Baby, Zoobesuch – der Stoff, aus dem Augsburgs privates Kulturgut ist. Die Geschichte des privaten Archivierens kann Andreas Garitz anhand vieler Video-Aufnahmen verfolgen. Die Bilder, die er durch seine Arbeit zu Gesicht bekommt, inspirieren ihn. „Die Aufnahmen, egal aus welchem Jahrzehnt, gleichen sich unglaublich“, erklärt der Filmexperte. Er ist Inhaber des Rekord Café. Hier trifft nicht nur die Kulturszene, sondern auch die Liebe zu Nostalgie und Technik genauso aufeinander wie die Liebe zu Kunstprojekten und wissenschaftlichen Untersuchungen.
Ein Filmprojektor aus den 30er- Jahren füllt den Raum zwischen Schallplattenspielern und CV-Kassetten. Videospieler stapeln sich im schwarzen 80er-Jahre-Design. Eine Super-8-Kamera glotzt ins Rauminnere. Mittendrin sitzt Andreas Garitz. Vor sich zwei LCD-Bildschirme. Neben sich ein W48 – ein Telefon aus der Nachkriegszeit. Kugelig, schwarz, mit Wählscheibe. Ist das ein musealer Ausstellungsraum? Oder eine Verkaufsfläche für rar gewordene Technik aus dem letzten Jahrtausend? Die Fragen hört Garitz oft – nachdem sich Besucher die Stirn an dem Schaufenster am Vorderen Lech platt gedrückt und dabei einen Fettfleck hinterlassen haben.
Die Antwort ist simpel: „Ich brauche die Geräte zum Arbeiten.“ Im Rekord Café geht es um „alles, was mit Film zu tun hat“ – außer der Cimbali-Kaffeemaschine, die für italienisches Flair und frisch gebrühten Espresso sorgt. Garitz hat sich auf das Überspielen verschiedener Filmformate und das Drehen für Image- oder Dokumentationsfilme spezialisiert. Wer zum Beispiel private Aufnahmen auf einem 8-Millimeter-Band hat, bekommt sie beim Rekord Café auf DVD gebrannt.
Erste Dokumentation über eine Junggesellinnen-Versteigerung
Für Garitz ist die Arbeit aus verschiedenen Gründen interessant. Der 47-Jährige ist promovierter Ethnologe, also Volkskundler. In dieser Wissenschaft kam er auch zum ersten Mal mit dem Medium Film in Berührung. Sein erstes großes Projekt bestand darin, eine Junggesellinnen-Versteigerung auf einer rheinischen Mai-Kirmes zu dokumentieren. Der Balanceakt bestand darin, den wissenschaftlichen Anspruch mit Unterhaltung zu verbinden und dafür eine geeignete Filmsprache zu finden.
In die Richtung zu gehen, ethnografische Filme zu machen, könnte Andreas Garitz sich wieder vorstellen. Kürzlich war er wieder auf der Kirmes, dann allerdings um deren 100-jähriges Jubiläum auf Bild zu bannen. Als Künstler oder Filmschaffenden sieht er sich nicht. Vielmehr als Dienstleister, als Handwerker. Als einer, der seiner Liebe zur Nostalgie an seinem Arbeitsplatz frönen kann. „All die Technik, die wir heute haben, gab es in den 30er Jahren eigentlich auch schon.“
Durch die Filmaufnahmen arbeitet Garitz mit verschiedenen Künstlern aus Augsburgs Kreativszene zusammen, zum Beispiel mit der Fotografin Frauke Wichmann. Auch, weil er die Open Stage und den Kurzfilmpreis Short Cuts organisiert, mit seiner Band Kashja unterwegs ist und Mieter im Kulturpark West ist, kennt Garitz sich in der Augsburger Kulturszene gut aus. Sie ist für ihn familiär: „Wir sind kulturell gesehen eine Großfamilie.“ Als Kulturwissenschaftler definiert er Kultur als „Summe dessen, was die Menschen, die daran beteiligt sind, zusammen machen – und zwar im nachhaltigen Sinn“.
Kultur müsse dauerhaft funktionieren, sei nicht lenkbar und soll vor allem nicht an Nutzen oder Kommerz gebunden sein. Deshalb kritisiert Garitz, dass „viele Städte Kultur mit Eventmanagement verwechseln“. Kultur sei vielmehr, was jeden Tag von vielen Menschen um uns herum gemacht werde.
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