Früher, so berichten Autofahrer, konnte man durch ganz Augsburg flitzen, ohne auch nur an einer Ampel halten zu müssen. Vom Theater bis nach Haunstetten, von Lechhausen bis Kriegshaber: überall nur innerstädtische Autobahnen. Und heute? Da bremsen einen die Ampeln schon aus, bevor man noch in den dritten Gang schalten kann, schimpfen die Geschichtenerzähler.
Ob es wirklich so schlimm um Augsburgs Verkehr steht, sollen überhaupt nicht repräsentative Testfahrten auf wichtigen Strecken der Stadt klären.
Erste Station: die Hans-Böckler-Straße. Hier wollen die Fahrer schnell auf die Autobahn oder in umgekehrter Richtung in die Stadt hinein. Ein Albtraum für Fußgänger, die lange warten müssen, um die Straßenseiten zu wechseln. Aber anscheinend ideal für diejenigen, die mit einem Auto unterwegs sind.
Von der kleinen Ostumgehung kommend, geht es nach links auf die Mühlhauser Straße. Die erste Ampel schaltet gleich auf Rot. Aber keine Panik, das ist wohl normal. Sandor Isepy vom Tiefbauamt nennt das den Seiteneinsteiger-Effekt. Wer einbiegt, muss meistens an der nächsten Ampel stehen bleiben.
Wer langsam fährt, ist schneller
Nun gut, da könnte was dran sein. Jetzt wird’s grün. Eine Autokolonne mit acht Fahrzeugen setzt sich in Bewegung. Die Schilder zeigen an, hier darf man flotter fahren: erst 70, dann 60. Die Fahrer geben Gas, die meisten sind schneller.
Aber Isepy gibt den Tipp: Um die grüne Welle zu erwischen, sollte man etwas langsamer fahren als erlaubt. Die Schaltungen haben stets kleinere Behinderungen eingeplant. Isepy zufolge heißt das: Wer bei vorgegebenen 60, 55 Kilometer pro Stunde fährt und nicht etwa 65, der kommt entspannt ans Ziel. Gut, dann also 55. Autos, die gerade noch im Rückspiegel zu sehen waren, ziehen vorbei. Und das gute Gefühl, trotz der lahmen Geschwindigkeit schneller voran zu kommen, weil einen nur grüne Ampel erwarten, hält nur kurz: Rot an der Kreuzung Schillstraße.
Umstrittene Verkehrsader
Neuer Versuch auf der umstrittensten Verkehrsader der Stadt: Um kurz nach 18 Uhr geht’s vom Roten Tor zur Friedberger Straße. Der Verkehr scheint schon abgeflaut, nur einzelne Autos steuern Richtung Hochzoll. Das bedeutet für die sogenannten intelligenten Ampeln: Für die paar Fahrer lohnt sich eine grüne Welle nicht. Lieber sollen die Fußgänger und Autos aus den Seitenstraße freie Fahrt erhalten. Die Folge: Viermal Rot, sonst Grün. Man kommt aber trotz der Stopps ganz gut durch. Doch wie sieht es in die andere Richtung aus? Bis 19 Uhr etwa gibt es abends aus Richtung Friedberg oft eine kleine Welle stadteinwärts. Isepy vermutet dahinter Pendler aus München.
Auch heute steht man um 18.29 Uhr bis zum Ortsschild an, noch hinter der Tankstelle Avanti24 auf der Augsburger Straße. Gerade jetzt müssten die Ampeln reagieren und die Kolonne in einem Schwung durchlassen. Aber es sind zu viele Fahrzeuge. Selbst diejenigen, die beim ersten Grün auf der Friedberger Straße durchkommen, stehen an den folgenden Kreuzungen. Kein Chance auf eine grüne Welle, auch die Theorie vom langsameren, aber erfolgreicheren Fahrstil gerät ins Wanken.
Die Autofahrer, die Gas geben, scheinen viel schneller voran zu kommen als andere. Doch trotz dreier roter Ampeln kann sich die Fahrzeit sehen lassen: in elf Minuten am Roten Tor. Weitere Probefahrten auf der Friedberger Straßen im morgendlichen Pendelverkehr bestätigen den ersten Eindruck: Staus lösen sich schnell auf, auch wenn es keine durchgehend grüne Welle gibt.
Aber Vorsicht an alle, die langsamer über die Straßen rollen wollen, als die vorgegebenen 50 Stundenkilometer: Über genervte Fahrer, die sich immer noch nach der alten Geschwindigkeitsbegrenzung (60) richten, sollte man sich nicht wundern.
Der Geheimtipp
Ein Geheimtipp ist übrigens die Bürgermeister-Ackermann-Straße. Hier testeten die Stadtwerke erstmals die „intelligenten“ Ampeln in einem Pilotprojekt. Sämtliche Testfahrten besteht die Strecke mit Bravour. Im Schnitt muss man hier nur an einer Ampel Halt machen. Doch die Nachfrage bei Fachmann Isepy bringt eine ernüchternde Erkenntnis. Das neue Ampelsystem ist dort zurzeit gar nicht aktiv. Mit anderen Worten heißt das: Freie Fahrt hängt vor allem vom Zufall ab.