Donnerstag, 22. Juni 2017

25. September 2012 12:48 Uhr

Religion in Augsburg

Wie Juden das Beschneidungsverbot sehen

Die Debatte um die Beschneidung läuft. In Berlin ist ein Rabbi niedergeschlagen worden. Wie denkt man in der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg darüber? 

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Die Synagoge in Augsburg.

Keine Zeit der Stille. Die Türe zur Synagoge steht zwar offen, aber drinnen saugen zwei Putzfrauen die roten Teppiche des jüdischen Gotteshauses. Sie reinigen den beeindruckenden Kuppelbau im Augsburger Bahnhofsviertel für eine Reihe von Feiertagen, deren Höhepunkt an diesem Mittwoch Jom Kippur ist. Im Foyer des jüdischen Kulturmuseums schräg gegenüber können Besucher eine Ausstellung mit dem Titel „Gehen oder bleiben? (1945 bis 1950)“ anschauen. Die Fotos in Schwarz-Weiß spiegeln die damalige Kernfrage wider: Was hält Juden nach dem Holocaust eigentlich in Deutschland?

Heute stellt Charlotte Knobloch diese Frage erneut und provoziert damit. Denn nur 118 von mehr als 100000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Deutschland sind im ersten Halbjahr 2012 ausgewandert. Die Zahl ist stabil.

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Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland ist bekannt dafür, dass sie auch einmal einen größeren Stein ins Wasser wirft, um Wellen zu schlagen. Insbesondere aufgrund der Debatte um die Rechtmäßigkeit der Beschneidung sieht sie den Fortbestand jüdischen Lebens in Deutschland bedroht. „Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will“, schrieb sie in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung.

Knobloch, die im Oktober ihren 80. Geburtstag feiert und bisher Deutschland gegenüber trotz aller Wunden der Vergangenheit positiv gegenüber eingestellt war, erklärt sich in scharfem Ton: Die Juden in Deutschland seien in einer „Situation, wie wir sie seit 1945 hierzulande nicht erlebt haben“. Und weiter: „Ich frage mich, ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über ,Kinderquälerei‘ und ,Traumata‘ schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen.“

Seitdem sind Zeitungen, Fernseh- und Radiosendungen voll mit Beiträgen zu Knoblochs Statement. Oft sind es Geschichten über Juden, die hierzulande schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bisweilen wird der Eindruck vermittelt, Deutschland sei inzwischen wieder eine „No-go-Area“ für Juden.

Es geht nicht nur um das Urteil des Kölner Landgerichts, das die religiöse Beschneidung von Juden und Moslems als „Körperverletzung“ wertet. Da ist auch die Gewalttat an dem Berliner Rabbi Daniel Alter, den arabischstämmige Jugendliche vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter auf offener Straße zusammengeschlagen und ihm das Jochbein gebrochen haben. In diesem Jahr wurden in Deutschland bereits 13 derartige Verbrechen registriert. Hinzu kam der Jahrestag des Olympia-Massakers in München Anfang September, der bei vielen Juden vermutlich alte Ängste wieder aufflammen lässt.

Alexander Mazo bietet einem freundlich Platz an. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg-Schwaben residiert in einem repräsentativen, aber etwas aus der Mode gekommenen holzgetäfelten Raum. Mazo kam erst im April 2003 aus Usbekistan als Spätaussiedler nach Augsburg. Inzwischen spricht er bewundernswert gut Deutsch. Gerade ist er von der ersten Rabbiner-Ordination seit der NS-Zeit aus Köln zurückgekehrt.

Der 56-Jährige stand vor zehn Jahren selbst vor der schwierigen Entscheidung: Gehen oder bleiben? Mazo entschied sich fürs Gehen. Er wollte nach Deutschland und hat dies bis heute nicht bereut. Zwar sei es in seinem Alter nicht mehr leicht, eine neue Sprache zu lernen und beruflich neu Fuß zu fassen. Doch er habe sich trotz mancher Schwierigkeiten im neuen Land durchgekämpft. Vergangenen Juni wurden er und seine Frau vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann persönlich als neue deutsche Staatsbürger mit einer Urkunde begrüßt. Darauf, und dass er sich durchgebissen hat, ist er stolz und sagt: „Ich bin jetzt deutscher Bürger.“

Die politische Aufgeregtheit im Lande, auch über die Beschneidung, will Mazo nicht überbewerten: „Läbe geht weiter“, sagt er. Der singende Tonfall und der russische Akzent, in dem er es sagt, gibt der Aussage etwas Fatalistisches. Fast im gleichen Atemzug aber betont er, dass man die Beschneidung nicht infrage stellen dürfe: „Das muss gemacht werden.“ Er spricht gelassen und trotzdem ist das Basta hinter diesem Satz nicht zu überhören.

Rechtsanwalt Mazo wertet das Urteil des Gerichts zwar nicht als provokative Einmischung in die Belange der Juden. „Das wurde nicht mit Absicht gemacht“. Er vermutet eher: „Wer weiß, vielleicht hatte der Richter morgens Streit mit seiner Frau“ – es gebe so viele Einflüsse, die sich auf ein Urteil auswirken können. Der gebürtige Usbeke ist allerdings zuversichtlich, dass der Fall bald gelöst ist: „Ich glaube, die Bundesregierung wird das Problem mit einem neuen Gesetz zur religiösen Beschneidung schnell aus der Welt schaffen.“

Im blauen Sakko, weinroten Polohemd und Jeans sitzt der weißhaarige Mann mit der akkuraten Frisur da. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, betont er. Und: Nein, er selbst sei bisher in Deutschland nicht bedroht worden. Im Gemeindezentrum kämen zwar immer wieder mal Serienbriefe von Neonazis an mit Bemerkungen wie: „Sie müssen hier weg!“ Beunruhigt ist Mazo deswegen aber keineswegs. Der Jurist weiß allerdings auch, dass es in Metropolen wie Berlin oder München heftiger als im beschaulichen Augsburg zugeht. Zu Knoblochs Aussage bemerkt er: Das sei eine emotionale Reaktion auf das Kölner Urteil gewesen.

In Augsburg ist auch statistisch nichts erfasst, was auf einen Exodus hindeutet. Im Gegenteil. Schwabens älteste Judengemeinde blühte in den letzten 20 Jahren durch den Zuzug aus Osteuropa und Russland förmlich auf. „Vielleicht ein kleines Wunder: Die jüdische Gemeinde wächst und wächst“, steht auf der Internetseite. Der Rabbiner halte seine Gottesdienste in Augsburg nie vor einem leeren Gotteshaus.

Noch Anfang der 1990er Jahre glaubte kaum jemand an ein Fortbestehen der jüdischen Gemeinde. Sie war überaltert, weil junge Juden entweder nach Berlin oder gleich nach Israel zogen. „Damals wäre jemand ausgelacht worden, der gesagt hätte: Nach 2000 wird die jüdische Gemeinde in Augsburg mehr Mitglieder haben als vor 1933, als die Nazis an die Macht kamen“, heißt es auf der Webseite. Rund 1600 Mitglieder sind Mazo zufolge derzeit eingeschrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust waren 1945 gerade einmal 25 zurückgekehrt.

In einer Ecke des Augsburger Rathausfletzes führt einen der Fotograf Silvio Wyszengrad in die Holocaust-Gedenkstätte der Stadt. Man übersieht sie leicht, weil sie ein wenig abseits untergebracht ist. Eine schon verdorrte weiße Rose mit einem Zettel liegt da, von einer Frau, die auf den Tafeln die Namen ihrer Verwandten gefunden hat. Man ist betroffen. Es sind Bilder, die an eine dunkle Zeit erinnern. Sie liegt noch gar nicht so lange zurück. Noch im Februar 1945 haben die Augsburger Behörden Juden, die in sogenannten Mischehen lebten, nach Theresienstadt abtransportiert. Insgesamt gab es aus Augsburg sieben Deportationen. Mehr als 370 Menschen landeten in den Höllen der KZ.

Wyszengrad kennt diese Zeit nur aus Erzählungen und Filmen. „Aber immer, wenn ich eine Dokumentation über den Holocaust sehe, denke ich mir: Ob Onkel, Tanten, Opa, Oma – liegt auf dem Menschenhaufen auch einer meiner Verwandten?“ Er habe dabei immer ein beklemmendes Gefühl. Sein Vater war im Konzentrationslager und überlebte. Der heute verheiratete 52-Jährige, der selbst zwei Kinder hat, sprach allerdings nie mit ihm über das Thema. „Vielleicht starb er zu früh. Ich war gerade neun.“

Wyszengrad bezeichnet sich selbst als einen weltlichen Menschen, der es mit jüdischen Bräuchen und Traditionen nicht immer ganz genau nimmt. Doch das Thema Beschneidung geht auch an ihm nicht spurlos vorbei. „Was soll das?“, fragt er. „Seit tausenden von Jahren werden Knaben in unserem Kulturkreis beschnitten, bisher hat sich niemand darüber aufgeregt.“ In diesem Fall sei das Gericht übers Ziel hinausgeschossen. Wyszengrads heitere Miene verdüstert sich für einen Moment.

Der Fotoreporter lebt gerne in Augsburg. Er ist hier geboren, die Stadt ist seine Heimat, hier gehört er hin. Wyszengrad sah bisher nie einen Grund, Deutschland auch nur ansatzweise infrage zu stellen. Schwarzafrikaner oder Moslems hätten wohl mehr Schwierigkeiten, vermutet er. Ihn selbst weist nur eine Halskette mit goldenem Davidstern als Juden aus. Er nimmt sie so gut wie nie ab: „Es ist ein Geschenk meiner Mutter.“

Wyszengrad ist in seinem Leben noch niemals wegen seiner Religion angepöbelt worden. Antisemitische Belästigung, erzählt er, geschehe eher subtil – wenn beispielsweise in Gaststätten am Nebentisch Judenwitze gemacht würden. Doch der groß gewachsene stattliche Mann ist weit davon entfernt, von Ängsten geplagt zu sein.

Nur in einer Situation, sagt er, würde er den Kragen zuknöpfen, um den Stern zu verdecken – „wenn ich investigativ an einer Fotoreportage über Neonazis arbeiten würde“.

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Ein Artikel von
Josef Karg

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