Gerne wird dem Klassikkonzert ein Schwund an Hörern nachgesagt. Da freut es doch, wenn der Saal so richtig voll ist, noch mal ein gutes Stück mehr als sonst, wie jetzt beim jüngsten Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker in der Stadthalle Gersthofen. Es freut, weil einerseits davon auszugehen ist, dass das Publikum sich angezogen fühlt von dem Orchester und seinem Chefdirigenten Dirk Kaftan, unter dessen Führung – das hat sich weit herumgesprochen – stets Spannungsreiches zu erwarten ist. Es freut andererseits, weil angenommen werden darf, dass auch die Musik hier Sogkraft entfaltet: die Musik Beethovens, in diesem Falle eines seiner größten Werke überhaupt, die 3. Sinfonie, die „Eroica“. 200 Jahre alt, immer noch Zugpferd.
Natürlich war die Sinfonie Krönung und Ende des Abends, doch auch zu Beginn gab es Beethoven, wohingegen der Raum dazwischen Karl Amadeus Hartmann vorbehalten war – ein, wie so oft bei Augsburgs Philharmonikern, vortrefflich gestaffeltes Programm. Auftakt also mit Beethoven und seiner „Coriolan“-Ouvertüre: dunkel getönt in der Klanggebung, elektrisierend in der Zeichnung der unruhigen Motivbewegung, wuchtig und drängend bei den Fortissimo-Hieben – eine rechte Einstimmung dafür, dass alle Programmpunkte dieses Konzerts im Zeichen der überwiegend ernsten Töne standen.
Natürlich sollte man sich hüten, Musik, wie jedes andere Kunstwerk auch, eindimensional auf biografisch-lebensweltliche Verhältnisse während ihrer Entstehungszeit zurückzuführen. So brüchig im Klang jedoch, wie Dirk Kaftan das „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann anlegte, ließ sich dieses Violinkonzert mit Streicherbegleitung gar nicht anders verstehen denn als Selbstreflexion eines deutschen Künstlers im Jahr 1939 – eine Spiegelung, die bei Kaftan markant die Züge innerer Emigration trägt. Das traf sich gut mit dem eher zurückhaltenden Temperament der Geigerin Antje Weithaas, die auf jeglichen Virtuosenglanz verzichtete und Kaftan konzeptionell darin folgte, dass sie eine ganze Palette elegischer, manchmal fahler, stellenweise regelrecht körperloser Töne entfaltete. Großartig in der Idee der Schluss: der finale Dur-Akkord als quasi einziger Klang, der Farbe und Volumen entfaltet – Zeichen der Hoffnung im allerletzten Moment.
Wohl kaum bisher hat man Dirk Kaftan sich so am Pult verausgaben sehen wie bei der „Eroica“ – gerade bohrend engagiert mit nicht nachlassender fordernder Gestik. Und was brachte er damit auch alles zustande: die Durchführung des ersten Satzes mit ihren immer wieder neu ansetzenden, gewollt nie restlos gelingenden Themen-Reprisen, gestaltet als dramatische Erzählung; das präzise ratternde Scherzo, das nur an gezielten Punkten aus dem Piano herausgelangt; generell die Transparenz des Orchesterklangs, die es erst möglich macht, Beethovens kunstvolles Spiel mit der Musik gebührend hervortreten zu lassen; das kunstvolle Spannungshalten vor dem schlussendlichen Presto-Taumel im letzten Satz der Sinfonie.
Mit der Musik durch Nacht zum Licht
Alles stimmig. Und doch: Obwohl diese „Eroica“ auf eine Weise in Klang-Erscheinung trat, wie man sie sich anders kaum wünschen mag – es mochte sich doch nicht jene Erschütterung einstellen, wie man sie von den seltenen großen Aufführungs-Glücksmomenten her kennt. Mutmaßlich hätte Kaftan noch an der Stringenz der musikalischen Entwicklung zu feilen, an Zusammenhängen innerhalb der Sätze, aber auch am satzübergreifenden „großen Bogen“ – an jenem von Beethoven so unerreicht durchexerzierten Durch-Nacht-zum-Licht, das im konzertanten Idealfall Erlösungsschauer auszulösen vermag. Allemal und völlig zu Recht jedoch Jubel nach dieser sehr guten „Eroica“-Aufführung.