Juri Heiser kam zurück in die Heimat, als er 1991 mit Ende 20 aus Kasachstan nach Deutschland übersiedelte. Er stammt aus einer deutschen Familie, im Dorf wurde Deutsch gesprochen. Trotzdem musste er erst einmal einen Sprachkurs machen, denn viele hier verstanden seinen Dialekt nicht. Solche Geschichten erzählen viele Deutsche aus Russland. Manche verkrafteten solche Erlebnisse, andere taten sich schwer in der neuen Welt, die eine bessere Zukunft versprach.
„Klein Moskau“ im Univiertel
Aussiedler brachten ein Stück ihrer alten Welt mit. Einheimische fühlen sich teilweise überfremdet, betrachten das Netz russischer Supermärkte, Ärzte und Reisebüros, die russischen Gespräche in der Straßenbahn misstrauisch. Sie haben Angst, dass eine Parallelwelt entsteht. „Klein Moskau“ ist der wenig liebevolle Spitzname fürs Univiertel, wo wegen der früheren Wohnbaupolitik viele Spätaussiedler wohnen.
Der Historiker Dr. Viktor Krieger, in Kasachstan geboren, relativiert das. Sicher gebe es solche Netzwerke, doch in 20 Jahren werden sie sich seiner Ansicht nach auflösen. Denn keine andere Einwanderergruppe zeige einen derartigen Willen zur Integration: „Man ist nicht hierher gekommen, um Russlanddeutscher zu bleiben.“ Die Identität verfestige sich nicht so stark wie bei anderen Gruppen. Ihn ärgert es, dass selbst Wissenschaftler-Kollegen trotzdem lieber über Probleme der ersten Generation forschen als über Erfolge der zweiten, die die Integrations-Studie des Berlin-Instituts 2009 bestätigt habe.
Doch sowohl Heiser als auch Krieger räumen ein, dass es eine Problemgruppe gebe: Spätaussiedler, die Ende der 90er, Anfang der 2000er nach Deutschland kamen. Viele, so Krieger, waren russisch sozialisiert, konnten kaum Deutsch. Vor allem ihre Kinder im Teenager-alter zogen widerwillig nach Deutschland, fanden sich hier schwer zurecht. Außerdem war die Mehrheitsgesellschaft langsam am Limit angelangt. Rund 2,5 Millionen Aussiedler aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten leben laut Krieger in Deutschland. Mittlerweile lässt der Zuzug nach. So kamen 2010 noch 2000 an.
Krieger kennt auch die Phasen der Migration. Die ersten Deutschen kamen nach der russischen Revolution. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs folgten Schwarzmeerdeutsche. Sie gründeten die Landsmannschaften der Deutschen aus Russland; 1957 die in Augsburg.
Nach den Ostverträgen folgten 100000 im Rahmen der Familienzusammenführung. Eine weitere Welle begann mit der Perestroika. Es kamen Leute, die schon lange Ausreiseanträge gestellt hatten und gut Deutsch sprachen. Schwieriger wurde es in den 90ern, als viele aus ländlichen Gebieten, zum Beispiel in Kasachstan und Sibirien, sich auf den Weg machten. Sie flohen vor einer politisch unsicheren Situation und wirtschaftlichen Problemen. Und dann kamen auch Menschen, die zwar deutsche Wurzeln haben, aber sich mehr russisch fühlten. Sie taten sich am schwersten.
Die etablierten Mitglieder der Landsmannschaft bemühen sich, später Eingewanderten zu helfen. Von einem Verein, der politische Interessen vertrat und Brauchtum pflegte, entwickelte sie sich zu einem Integrationsmotor. Viele Projekte hat sie durchgezogen, Hilfen zur Integration vermittelt und Jugendlichen bei der Jobsuche geholfen – neben Russlanddeutschen auch Türken oder Einheimischen. Trotzdem werde wohl ein Viertel der 23000 Aussiedler – nach den Türkeistämmigen die größte Einwanderergruppe in Augsburg – eine Art „russische Diaspora“ bilden, schätzt Heiser.
Konflikte zwischen den Generationen kitten
Noch einen Schwerpunkt hat die Landsmannschaft gesetzt: Familien zusammenhalten. Jüngere integrieren sich schneller als Ältere. Es gibt Kinder, die weigern sich, mit ihren Eltern Russisch zu sprechen, sagen: „Du hast ja keine Ahnung.“ Generationenkonflikte sind stärker als in Familien ohne Migrationsgeschichte. Generationsübergreifende Projekte wie Theater sollen sie kitten.
So traurig das sei, es zeige, wie Integration voranschreitet, meint Heiser. Irgendwann, so Krieger, werde sich dann die Landsmannschaft auflösen. Noch ist es in Augsburg nicht so weit. Hier sitzt die größte Kreisgruppe deutschlandweit. Und Montag wird Jubiläum gefeiert.