Die Diagnose ADHS trifft gerade früh eingeschulte Kinder. Ihr unreifes Verhalten wird häufig als Aufmerksamkeitsstörung gedeutet, das wollen kanadische Forscher in einer Studie mit fast einer Million Grundschulkindern herausgefunden haben. Normales Verhaltens von Kindern wird immer häufiger mit Medikamenten behandelt, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Canadian Medical Association Journal". Zudem warnten die Forscher vor einer vorschnellen Diagnose.
ADHS-Begleiterscheinungen wie Auffälligkeiten im Sozialverhalten
Die Behandlung mit den ADHS-Medikamenten wie zum Beispiel Ritalin kann zu Gesundheitschäden führen. Schlaf- und Wachstumsstörungen seien häufig die Folge. Außerdem steige das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen. Dazu kommt, dass mutmaßliche ADHS-Kinder anders behandelt werden von Eltern und Lehrern. Das kann zu psychischen Problemen führen, so die Wissenschaftler.
Christopher Lauer gehört zu denen, die sich geoutet haben. Der 28-Jährige, der für die Piratenpartei im Abgeordnetenhaus der Bundeshauptstadt sitzt, berichtete in einer TV-Sendung von seiner Krankheit. „Ich habe ADHS – und das ist gut so.“ ADHS, so wird der sperrige Begriff der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung abgekürzt. Umgangssprachlich ist vom Zappelphilipp-Syndrom die Rede. Es ist praktisch in jeder Schule ein Thema, weil es oft bei Kindern diagnostiziert wird. Manche sprechen von einer Modekrankheit. Expertenschätzungen zufolge sind mittlerweile allein in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen betroffen.
ADHS-Behandlung mit Schwierigkeiten
Lauer wurde nach seinem Geständnis mit E-Mails bombardiert und nahm daraufhin im Internet noch einmal präzise Stellung zu dem Thema. Der gebürtige Bonner schreibt beispielsweise, dass er persönlich die Diagnose sehr spät gestellt bekam: „Ich habe es erst mit 27 Jahren erfahren.“ Und er berichtet, dass es sich nicht nur um eine Kinderkrankheit handelt. Lauer beschreibt, wie sich sein Leben durch die Einnahme eines Medikaments verbessert hat. Lauer nimmt Ritalin, um sich besser konzentrieren zu können. „Ich empfinde es als großes Glück, durch das Medikament für zweieinhalb Stunden oder länger in eine Welt eintauchen zu können, die mir vorher verschlossen war. Ich bin gelassener und es macht meinen Alltag, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen, einfacher.“
Um das Für und Wider dieser Pillen tobt derzeit in Deutschland ein heftiger Streit. Es gibt Befürworter und Gegner. Die Situation ist ähnlich wie beim Thema Impfen. Beide Seiten nehmen für sich in Anspruch, unbedingt recht zu haben. Zuletzt haben vor allem die Ritalin-Gegner von sich reden gemacht. Insbesondere der Göttinger Neurobiologe und Mediziner Gerald Hüther hat die Medien mit neuen Erkenntnissen gefüttert. Er befürchtet langfristige Nebenwirkungen wie beispielsweise Parkinson-Erkrankungen. Aus Versuchen an Ratten zieht er Analogieschlüsse, die belegen sollen, was Ritalin im Gehirn Schlimmes anrichten kann.
Ist Ritalin Fluch oder Segen?
Der Augsburger Kinder- und Jugendarzt Martin Lang sagt: „Es gibt Kinder, denen muss man das Medikament geben, damit man ihnen das Leben nicht verbaut. Man muss ihnen helfen, im Schulsystem zu überleben.“ Lang holt weit aus, um zu erklären, warum es für die allermeisten Buben schon aus entwicklungsbiologischer Sicht schwierig ist, fünf Stunden am Stück zu sitzen und sich zu konzentrieren. „Das ist für die meisten die Höchststrafe.“ Deren Großväter und Urgroßväter hätten nur überlebt, weil sie stark und schnell genug waren, um in ihrer Zeit zu bestehen. Im modernen Bildungssystem aber sei für dieses genetische Erbe kein Platz mehr.
Die meisten Buben sind laut Lang nicht krank. Sie lebten sich nur aus und das Herumtoben gehöre einfach zu ihnen. „Wenn man die in den Sportverein schickt oder sie Schlagzeug spielen lässt, ist meist alles in Ordnung“, sagt der Mediziner. Seinen persönlichen Erfahrungen nach kommt es relativ selten vor, dass Eltern für ihre im Grunde gesunden Kinder Ritalin wollen, in der Hoffnung, die Noten würden dadurch besser. Lang, der viel mit homöopathischen Therapien arbeitet, lehnt so etwas ab.
ADHS häufig falsch diagnostiziert
Manche anderen Ärzte wohl nicht. Ritalin ist der Renner unter den Psychopharmaka. Weltweit rund zehn Millionen Kinder sollen die Pillen mit dem Wirkstoff Methylphenidat schlucken, schätzen Experten. Zunächst galten sie als eine Art Wunderarznei. Entwickelt als Appetitzügler und Antidepressivum hilft Ritalin oder besser gesagt der Wirkstoff Methylphenidat bestimmten Menschen, ihre sieben Sinne zu ordnen. Vereinfacht gesagt werden in ihrem Gehirn alle Reize gleichwertig verarbeitet. Das heißt, die Betroffenen können sich auf nichts konzentrieren, keine Prioritäten setzen und werden ständig von irgendwem oder irgendetwas abgelenkt. Bei hyperaktiven Kindern kommt noch ein ausgeprägter Bewegungsdrang hinzu.
Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité, beobachtet seit rund zehn Jahren eine Inflation von ADHS-Diagnosen. Von zehn Kindern, die damit zu ihr geschickt werden, stellt sie bei neun eine andere Verhaltensstörung oder psychische Erkrankung fest. Das sagte sie gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Drei Kriterien müssten laut Lehmkuhl bei ADHS zusammenkommen: Impulsivität, Hyperaktivität und ein Aufmerksamkeitsdefizit. Auch Martin Lang bestätigt: 30 Prozent der Diagnosen sind alleine deswegen falsch, weil es sich nicht um ADHS, sondern um versteckte Depressionen handelt.
ADHS: Der Renner heißt Ritalin
Sein Kollege Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendmedizin, hält den Begriff „Aufmerksamkeitsdefizit“ sowieso für irreführend. Denn die Kinder seien eher zu aufmerksam. Fegeler sagt, die ADHS-Begleiterscheinungen wie Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Lese- und Rechtschreibschwächen seien in Wirklichkeit psychische Reaktionen darauf, wie die Gesellschaft mit den Jungen umgeht. „Sie kriegen ständig eins drauf, das macht sie krank.“
Ob er recht hat? Eine allgemein zufriedenstellende Bewertung des Problems ADS oder ADHS scheint es nicht zu geben. Die Realität zeige aber, dass eine pauschale Betrachtung keinen Sinn mache, meint Christina Wunder-Semmerling, die unverdächtig scheint, von der Pharmaindustrie unterstützt zu werden. Auch die unterschiedlichen Methoden, die Krankheit zu therapieren, müsse man nebeneinander gelten lassen. Für Teufelszeug hält sie Ritalin trotz der möglichen Nebenwirkungen jedenfalls nicht. (AZ)