Donnerstag, 28. Juli 2016

24. Dezember 2008 09:15 Uhr

Attentat auf Polizeichef

Der rätselhafte Mordanschlag von Passau

Der Aufwand ist riesig, den die Ermittler im Fall des Passauer Polizeichefs Mannichl betreiben. So veröffentlichte die Polizei jetzt erneut zwei Phantombilder. Aber trotzdem kam man bislang keinen Schritt voran. Das wirft Fragen auf. Von Holger Sabinsky Von Holger Sabinsky

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Mit neuen Phantombildern sucht die Polizei nach den Tätern.

Passau/Augsburg "Warum", fragt sich ein Ermittler, "steht die Sonderkommission eineinhalb Wochen nach der Tat mit komplett leeren Händen da?" Am Samstag vorletzte Woche war der Passauer Polizeichef Alois Mannichl vor seinem Reihenhaus in Fürstenzell niedergestochen und schwer verletzt worden.

Zehn Tage später hat die Polizei nur Rückschläge bei der Tätersuche zu verzeichnen. Tiefpunkt: Das Münchner Neonazi-Ehepaar, das festgenommen worden war, musste gestern auf freien Fuß gesetzt, der Haftbefehl aufgehoben werden. Das Alibi der beiden hat sich zumindest teilweise bestätigt.

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Selbst die auffälligen Tätowierungen aus der Täterbeschreibung des Opfers - eine grüne Schlange hinter dem linken Ohr und ein Kreuz mit einem Pfeil in der rechten Gesichtshälfte - haben bislang bei der Fahndung in Deutschland, Österreich und Tschechien zu keinem Verdächtigen geführt.

Weitere konkrete Spuren hat die Sonderkommission derzeit nicht, musste die Kripo einräumen. Und das, obwohl 50 Beamte an dem Fall arbeiten und alle Quellen anzapfen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Auch der neueste Fahndungsaufruf von Polizei und Staatsanwaltschaft klingt fast schon verzweifelt: Gesucht werde ein Mann oder eine Frau am Steuer eines Autos, das am Tattag (13. Dezember) gegen 17 Uhr auf der Passauer Straße in Fürstenzell in Richtung Markt unterwegs war. Der Wagen sei einem anderen Pkw gefolgt, dessen Fahrer wegen Fußgängern stoppen musste. Daraufhin soll der Fahrer oder die Fahrerin des nachfolgenden Autos gehupt haben. Diese Person wird dringend als Zeuge gesucht. Klar wird damit: Die Ermittler stochern im Nebel. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei ihnen, man stehe mit leeren Händen da.

Dazu passt, dass die Passauer Sonderkommission jetzt nach einer fünfköpfigen Personengruppe sucht, zu der zwei neue Phantombilder veröffentlicht wurden. Die Bilder zeigen eine unbekannte Frau mit zerzausten Haaren und einen Mann mit einem schwarzen "Hahnenkamm" und vier Ringen im rechten Ohr. Sie könnten mit der Bluttat "etwas zu tun haben" und seien am Tattag in Fürstenzell gesehen worden. Dazu wurden weitere Personenbeschreibungen veröffentlicht.

Nach Informationen unserer Zeitung soll sich nun eine unabhängige Ermittlergruppe des Landeskriminalamts (LKA) in den Fall einschalten - obwohl es bereits eine große Sonderkommission vor Ort gibt. Möglicherweise haben die LKA-Leute den Auftrag, den Fall noch einmal ganz neu aufzurollen und jede mögliche Variante des vermeintlichen Neonazi-Anschlags zu überprüfen. Denn es gibt offene Fragen: Warum benutzte der Täter nicht ein eigenes Messer? Warum stach er nicht sofort zu, sondern beschimpfte den Polizeichef erst? In Passauer Polizeikreisen heißt es indessen, Mannichls Persönlichkeit habe sich im Laufe seines Kampfes gegen rechts stark verändert.

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Ein Artikel von
Holger Sabinsky-Wolf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt