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29. Januar 2009 08:35 Uhr

Integration

Der weite Weg der Türken nach Deutschland

Sie sind angeblich die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe in Deutschland: Rund drei Millionen Menschen türkischer Herkunft stehen nach einer Studie am Ende der Skala der Zuwanderer. Von Manuela Mayr und Daniel Wirsching

Selbstbewusst, selbstständig, voll integriert: Die türkischstämmige Friseurmeisterin Nazir Maris in ihrem Salon in Gersthofen bei Augsburg. Foto: Fred Schöllhorn

Von Manuela Mayr und Daniel Wirsching

Augsburg/München/Berlin (AZ) - Sie sind angeblich die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe in Deutschland: Rund drei Millionen Menschen türkischer Herkunft stehen nach einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (wir berichteten) am Ende der Skala der Zuwanderer, was die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben angeht - deutlich hinter den rund vier Millionen Aussiedlern.

Viele, die in ihrem Alltag einen ganz anderen Eindruck haben, sind verwundert, integrierte Türken reagieren erschrocken. Gehören sie nicht längst trotz aller Streitigkeiten über Kopftücher und Minarette ganz selbstverständlich dazu - die Döner-Verkäufer, Änderungsschneider, Friseure, Taxifahrer, Obst- und Gemüsehändler mit den vielen üs und ös im Namen? Gibt es nicht sogar einen Gründungsboom türkischer Unternehmen in vielen Branchen vom Reiseunternehmen bis zum Bankhaus? Mag sein.

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Doch die Studie richtet das Augenmerk auf altbekannte Defizite: 30 Prozent der Türkischstämmigen im erwerbsfähigen Alter haben keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent erreichen die Hochschulreife (bei den Deutschen 38 Prozent), von Erwerbslosigkeit sind sie besonders betroffen. Das erschwert die Integration: "Wer seine Arbeit verliert, verliert die Kontakte", sagt Hüseyin Avgan, der türkische Bundesvorsitzende der Föderation demokratischer Arbeitervereine in Köln.

Es sind Fakten, die niemand bestreitet, doch die Studie benenne die Ursachen nicht, kritisiert Dirk Halm vom Zentrum für Türkei-Studien der Uni Duisburg-Essen. "Sie legt den Schluss nahe, dass die Türken nicht wollen. Und das ist falsch." Die meisten türkischen Migranten stammten aus bildungsfernen Elternhäusern. Über Jahrzehnte habe man ihnen keine spezifischen Bildungsangebote gemacht, sondern sie mit der Rückkehrförderung in den 1980er Jahren eher ausgegrenzt. Für Aussiedler hingegen, die bereits besser qualifiziert nach Deutschland kamen, habe es massive Eingliederungshilfen gegeben.

Den Vergleich der Türken mit den Spätaussiedlern hält auch die Augsburger Rechtsanwältin Meral Bayar für befremdlich. Die gebürtige Türkin, die mit 18 Deutsche wurde und mit einem Deutschen verheiratet ist, gehört zu denen, die voll integriert sind. Doch die 33-Jährige fürchtet, dass sich durch die Studie alte Vorurteile gegenüber der fremden Kultur verfestigen. Sie selbst fühlt sich nicht betroffen. In Weißenburg, wo sie aufwuchs, war sie die erste türkische Abiturientin - dank ihrer Eltern, die sehr auf die sprachliche und schulische Entwicklung der Tochter achteten.

Viele türkische Eltern aus der Arbeiterschicht seien dazu gar nicht in der Lage. Das deutsche Schulsystem gleiche familiäre Versäumnisse leider nicht aus. Den Kindern bleibe der Aufstieg verwehrt. "Das Wichtigste ist, die Bildungschancen zu verbessern, sagt Meral Bayar.

Auch Nazir Maris hatte das Glück, weltoffene Eltern zu haben, die mit ihren Kindern neben türkisch auch deutsch und arabisch sprachen. Seit mehr als zehn Jahren hat die jetzt 33-Jährige in Gersthofen ihren eigenen Friseursalon. Schon mit 21 - als Jüngste in ganz Bayern - legte sie die Meisterprüfung ab. Vor ein paar Jahren ließ sie sich einbürgern, denn sie habe nie das Gefühl gehabt, als Ausländerin diskriminiert zu werden.

Nicht alle türkischstämmigen Migranten fühlen sich so rundum wohl: Asim Aydin kam mit 20 aus der Türkei nach Berlin und studierte dort Elektrotechnik. Doch vor allem lernte er Deutsch. Intensiv. "Die Sprache ist das Wichtigste", sagt er. Heute, mit 45 Jahren, spricht er fließend deutsch und arbeitet als Sozialpädagoge beim Ausländischen Elternverein München (AEV). Dessen Motto: Sevginin olduu yerde güven de vardir. Wo Liebe ist, da ist auch Vertrauen. Sein Ziel ist es, "nichtdeutsche Kinder, Jugendliche und deren Familien im Bereich der Schul- und Berufsbildung zu unterstützen".

Asim Aydin hat zahlreiche deutsche Freunde und sagt dennoch: "Ich bin hier nicht angekommen." Wo Liebe ist, ist auch Vertrauen? Er kennt die Ergebnisse des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. "Schon wieder die Türken", sagt er. Es klingt ein wenig fassungslos. "Viel hat sich nicht geändert in den letzten Jahren."

Asim Aydin bemüht sich weiter, organisiert eine Hausaufgabenbetreuung für türkische Schüler, Computerkurse für deren Eltern, das Zeitungsprojekt "Diyalog". "Ein Hauptproblem ist, dass türkische Eltern kaum Kontakt mit den Lehrern ihrer Kinder haben." Sie hätten regelrecht Angst vor Elternabenden, weil sie kein Deutsch verstünden. Asim Aydin will ihnen Brücken bauen, übersetzt Gespräche, wirbt für gegenseitiges Verständnis. Doch oft fühlt er sich wie vor einer hohen Wand. Er muss seine ganze Kraft aufwenden, sie zu überwinden.

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