Es wird ein schwerer Gang für die Eltern und Geschwister der ermordeten Nora B., wenn sie sich ins Augsburger Landgericht aufmachen. Im Gerichtssaal werden sie zum ersten Mal dem 17-jährigen Christian G. gegenübersitzen, dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter. Von Stefan Krog Von Stefan Krog

Von Stefan Krog
Augsburg Es wird am Mittwoch früh ein schwerer Gang für die Eltern und Geschwister der ermordeten Nora B., wenn sie sich ins Augsburger Landgericht aufmachen. Im Gerichtssaal werden sie zum ersten Mal dem 17-jährigen Christian G. gegenübersitzen, dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter (18). "Wir versuchen, Noras Stimme im Prozess zu sein. Das sind wir ihr schuldig", sagt Noras Mutter Roswitha B. gegenüber unserer Zeitung.
Für den Prozess vor der Jugendkammer in einem der aufsehenerregendsten Fälle der vergangenen Jahre in Augsburg sind fünf Tage vorgesehen, mit einem Urteil wird Anfang Juli gerechnet. Bei der Polizei hat Christian G. gestanden, Nora im Dezember 2007 umgebracht zu haben. Im Prozess sollen gut 40 Zeugen vernommen werden, zwei Gutachter werden im Gerichtssaal sitzen. Der Fall zeigt auch, wie schwierig der Umgang für die Justiz mit jungen Sexualtätern ist - und welche Qualen die Hinterbliebenen zu durchleiden haben.
Der Fall Nora hatte im vergangenen Dezember bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Die 18-Jährige war in der Nacht auf Samstag, den 8. Dezember, im Augsburger Stadtteil Haunstetten nachts um halb zwei niedergeschlagen, vergewaltigt und erwürgt worden. Der Täter schleppte die Leiche durch die Straßen in dem bürgerlichen Reihenhausviertel und legte sie wenige hundert Meter entfernt hinter einem Supermarkt im angrenzenden Königsbrunn (Kreis Augsburg) ab. Am nächsten Morgen machte eine Hundehalterin die grausige Entdeckung. Der Fall bewegte die Menschen in der Region zutiefst: Auch Monate nach der Tat lagen Blumen an der Fundstelle.
Die Eltern machen seit Dezember ein Martyrium durch. "Jeder Tag ist die Hölle", sagt Noras Mutter, die arbeitsunfähig ist und Medikamente nehmen muss. Nora machte eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau, spielte früher Handball im Verein, hatte einen Freund, gerade den Führerschein bestanden. "Sie war mehr als eine Tochter, sie war meine Freundin", sagt die Mutter. Jetzt geht sie nachts, wenn die Erinnerungen sie quälen, in Noras Zimmer und hält dort Zwiesprache mit ihr. Für den Vater Abdelmalek B. sind die Erinnerungen dort zu stark. Er betritt das Zimmer nicht mehr. Nun, da der Prozess näher rückt, werden die Gedanken immer quälender. "Für die Familie wird jetzt alles wieder so real", sagt die Augsburger Anwältin Marion Zech, eine der Nebenklagevertreterinnen.
Nora war offenbar ein Zufallsopfer. Christian G., ein Maurerlehrling aus Königsbrunn, sagt, er könne sich die Tat nicht erklären. Auf Fotos macht er einen netten Eindruck, er hatte schon Freundinnen, doch etwas stimmte nicht. Christian G. war 2005 in die Wohnung einer Klassenkameradin eingestiegen und hatte Unterwäsche gestohlen. Doch das Verfahren wurde eingestellt, Christian G. kam mit einigen Stunden Hilfsdiensten davon. Man habe den Vorkommnissen damals nicht die Bedeutung beigemessen, heißt es heute bei der Augsburger Justiz. Hinweise, dass Christian G. einmal zum Mörder werden könnte, gab es in der Tat nicht. Es erfolgte kein Gutachten oder eine Vorstellung in der Jugendpsychiatrie. Doch Christian G. betätigte sich weiter als Spanner. Mindestens zweimal brach er laut Anklage sogar in Häuser ein - so kam man ihm auf die Spur. Der Opferschutzverein "Sicheres Leben" will an den Prozesstagen mit Mahnwachen vor dem Gericht für mehr Opferschutz eintreten.
Seit seiner Festnahme wenige Tage nach der Tat sitzt Christian G. in U-Haft. Es zeichnet sich ab, dass eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausgeschlossen werden kann, da die Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit vermindert gewesen sein könnte. Das würde bedeuten, dass Christian G. zwar das Unrecht der Tat erkannt hat, aber nicht in der Lage war, sein Verhalten zu steuern. Zusätzlich zu einer Freiheitsstrafe (maximal zehn Jahre bei Jugendlichen) könnte das Gericht eine Therapie in der geschlossenen Psychiatrie anordnen, falls im Gutachten keine volle Schuldfähigkeit attestiert wird.
Die Verhandlung wird, da Christian G. minderjährig ist, nichtöffentlich sein. Es werden Zeugen aus dem Umfeld von Nora und von Christian G. aussagen, Polizisten, Sachverständige, ein Mithäftling von Christian G. Für dessen Mutter und seinen Stiefvater sei eine Welt zusammengebrochen, sagt Christian G.s Verteidigerin Alexandra Gutmeyr. Dem Prozessbeginn sieht auch Christian G. mit Bangen entgegen. "Er weiß, dass er Noras Eltern gegenüberstehen wird. Und dass es letztlich keine Entschuldigung gibt", so Gutmeyr.
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