Mittwoch, 22. November 2017

08. Juni 2011 20:37 Uhr

Augsburger Ehrenbürger

Oskar Schindlers Gefährte Mietek Pemper ist tot

Mietek Pemper, der Überlebende des Holocaust und Augsburger Ehrenbürger, ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er war ein uneitler und bescheidener Mann. Von Gernot Römer

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Mietek Pemper
Foto: Ulrich Wagner

Augsburg Ein Augsburger Arzt, den ich kannte, rief mich vor vielen Jahren in der Redaktion an. Er sagte: „Ich bin einem ganz ungewöhnlichen Zeitzeugen begegnet und Sie sollten ihn auch kennenlernen!“ Im Haus dieses Mediziners bin ich dann erstmals dem Mann begegnet, ohne den es Oskar Schindlers weltberühmt gewordene Liste nicht gegeben hätte, die 1945 so vielen Juden das Leben rettete. Am Dienstag ist dieser Überlebende des Holocausts, Mietek Pemper, in Augsburg gestorben. Er wurde 91 Jahre alt.

Pemper hat damals erzählt, dass er von März 1943 bis September 1944 – mehr als 540 Tage – unfreiwillig Stenograf des Kommandanten Amon Göth im Lager Plaszow sein musste; dass er heimlich die streng geheime dienstliche Post Göths, eines gewissenlosen Mörders, mitgelesen und dass er dort Oskar Schindler kennengelernt hat. Ohne Pemper hätte Schindler kaum der Retter von mehr als tausend KZ-Häftlingen werden können.

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Plaszow nahe Krakau war ursprünglich ein Zwangsarbeitslager, ab Januar 1944 ein Konzentrationslager (KZ). Die jüdischen Häftlinge wurden von den deutschen Besatzern kriegswichtigen Betrieben zugewiesen. Einer davon war der von Oskar Schindler. Emaillegeschirr fürs Militär wurde darin produziert. Als in der letzten Phase des Krieges die russischen Armeen immer näher rückten, kam aus Berlin der Befehl, einen Teil dieser Produktionsstätten stillzulegen. Bestehen bleiben durften nur noch „ kriegsentscheidende Betriebe“. Pemper las heimlich auch diese Anordnung aus Berlin. Unter vier Augen gab er daraufhin Schindler den Rat, etwas anderes als bisher zu produzieren: „Mit Emaillegeschirr lässt sich kein Krieg gewinnen.“ 1944 war das. Schindler stellte um. Fortan produzierte er auf neuen Maschinen Granatbuchsen.

Damals, bei unserem ersten Zusammentreffen in der Praxis des Augsburger Arztes, hatte dieser oder auch Mietek Pemper wahrscheinlich daran gedacht, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit Sicherheit dachte Pemper dabei nicht daran, bekannt zu werden und sich anschließend feiern zu lassen. Er war ein ganz ungewöhnlich bescheidener und uneitler Mann. Nein, ihm ging es allein darum, Schindler, den Retter so vieler Todeskandidaten, herauszustellen. Der Film „Schindlers Liste“ entstand erst sehr viel später.

Aber damals war die Zeit, in der Franz Schönhubers Republikaner von sich reden zu machen versuchten. Deshalb habe ich Pemper geraten, seine Geschichte vorerst noch für sich zu behalten, um sich nicht Beschimpfungen und Bedrohungen, wie ich selbst sie damals erlebt habe, auszusetzen. Als es dann wieder etwas stiller um die rechte Partei geworden war, hat Pemper begonnen, in Vorträgen über das Lager Plaszow und die Verlegung des Schindler-Betriebs nach Brünnlitz in der heutigen Tschechischen Republik zu sprechen. Am wichtigsten waren ihm die Schulen, war ihm die nachwachsende Generation.

Zu Zwischenfällen und Störungen ist es bei seinen Vorträgen nie gekommen. Einzig in Binswangen (Kreis Dillingen) erlitt Pemper einmal einen Schwächeanfall, konnte aber nach einigen Minuten weitersprechen. Die Worte, mit denen sich Oskar Schindler 1945 vor der Ankunft der russischen Truppen in Brünnlitz von seinen Arbeitshäftlingen verabschiedete, zitierte der bescheidene Mann in seinen Vorträgen nie. Sie lauteten: „Dankt nicht mir für eure Rettung, dankt Stern und Pemper!“ Nach dem Krieg hat dieser die Verbindung zu Schindler bis zu dessen Tod 1974 nicht abreißen lassen. Den amerikanischen Regisseur Steven Spielberg hat er bei dessen Dreharbeiten für den Film „Schindlers Liste“ beraten.

Mietek Pemper besaß, wie man so sagt, ein „Elefanten-Gedächtnis“ . Wenn er erzählte, dass die Zahl jüdischer Nobelpreisträger weit höher als der jüdische Anteil an der Weltbevölkerung gewesen sei, fügte er sogleich die Namen der vielen Persönlichkeiten jüdischen Glaubens hinzu, die mit dieser bedeutendsten aller Ehrungen ausgezeichnet worden waren und was sie geleistet hatten. Dieses phänomenale Gedächtnis machte ihn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem der wichtigsten Zeugen in den Prozessen, die in Polen gegen KZ-Kommandant Göth und andere Kriegsverbrecher geführt worden sind.

Aber Mietek Pemper war auch ein gerechter Mann. Er hat – vergeblich – nach 1945 nach dem SS-Mann Dvorak gesucht, der in Plaszow Göths mehrfach wiederholten Befehl nicht ausgeführt hatte, eine Frau zu erschießen: „Ich kann das nicht, Herr Kommandant, ich kann das nicht.“ Pemper wollte sich bei Dvorak bedanken für diesen Mut. Vor einigen Jahren hat er sich auch mit der Tochter von Amon Göth getroffen, die nicht fertig werden konnte mit dem Wissen, einen so grausamen Vater gehabt zu haben.

1958 ist Mietek Pemper Augsburger geworden. Er hat nie geheiratet, war ein sehr einsamer Mensch. Die Arbeit als Unternehmensberater war sein Leben. Ferien kannte er nicht. 2005 endlich fanden sich zwei Historikerinnen, Viktoria Hertling und Marie Elisabeth Müller, die seine Erinnerungen zu Papier brachten. „ Der rettende Weg – Schindlers Liste“ lautet der Titel des Buchs. Die Stadt Augsburg und die Augsburger Universität machten Pemper zu ihrem Ehrenbürger. Vor einiger Zeit zwang ihn sein Gesundheitszustand, in ein Altenheim zu übersiedeln. Gestorben ist er im Augsburger Klinikum.

Dieses noch: Wirklich hinweggekommen über das, was er in Plaszow erlebte, ist Mietek Pemper nie.

Mehr zu Mietek Pemper gibt es unter mietek.pemper.de

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