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Hyperaktive Kinder: Sie kennen keine Gefahren

Hyperaktive Kinder

Sie kennen keine Gefahren

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    Die Eltern hyperaktiver Kinder stehen vor großen Herausforderungen.
    Die Eltern hyperaktiver Kinder stehen vor großen Herausforderungen. Foto: dpa

    Augsburg Er, als Vater, wollte es lange nicht wahrhaben. Die Mutter wusste es bald sicher: Dieses Kind leidet unter der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Dabei ging der sehr aufgeweckte Bub noch nicht einmal in die Schule. Er war extrem neugierig, für ihn gab es keine Hindernisse, er erklomm alle Fensterbretter und Schränke. Claus Staudter erzählt die Geschichte seines kleinen Sohnes bei einem Kongress im Haunerschen Kinderspital in München. Rückblickend ist es für Staudter bezeichnend, dass gerade er, als Pflegedienstleiter an einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Mannheim zu Hause die Augen vor der Realität verschloss, obwohl er ADHS-Kinder nur zu gut kennt.

    Das Kind krempelte den Alltag der Familie Staudter total um. Der Bub ist kaum müde und schläft schlecht ein. Er redet ununterbrochen, sein Vater nennt das „Sprechdurchfall“. Überall wurden Kindersicherungen angebracht, sogar die Fenster der Altbauwohnung bekamen Gitter, weil der Kleine kein Gefahrbewusstsein hat. Dass man trotzdem nie sicher vor Überraschungen sein kann, beschreibt Staudter so: Eines Tages klettert der Bub auf den Badewannenrand, steigt zum Waschbecken hinüber, schafft es von dort aus, den Spiegelschrank zu öffnen und wird dann mit den Rasierklingen des Vaters in der Hand gerade noch rechtzeitig erwischt, ehe etwas anderes Unvorhergesehenes passieren konnte. Diese Unberechenbarkeit nennt der Vater „verhaltensoriginell“.

    Heute wird bei fünf Prozent der Kinder von Ärzten ADHS diagnostiziert, sagt Professor Berthold Koletzko von der Stiftung Kindergesundheit. Andere Studien sprechen von zehn Prozent. In beiden Fällen sind die Buben in erheblicher Überzahl. Auch wenn man noch nicht allzu lang davon spricht, ADHS als Verhaltensstörung ist nicht neu. Viel zitiert wird in dem Zusammenhang immer wieder der Zappelphilipp des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, der bereits 1845 ein derart unruhiges Kind beschrieben hat. Heute erkennen Eltern und Lehrer die Störung leichter, weil sie inzwischen sehr gut erforscht ist, aber auch, weil die Erwartungen an die Kinder höher gesteckt sind.

    ADHS sei nicht heilbar, aber mit Medikamenten gut therapierbar, sagt Kolletzko. Es sei unabdingbar, die hohen Risiken, die die Störung mit sich führt, klein zu halten: Die Chance von ADHS-Schülern ans Gymnasium zu wechseln, sei 60 Prozent niedriger als bei den Gleichaltrigen. Sie seien häufiger in Unfälle verwickelt, kommen öfter mit Drogen in Berührung und geraten mit dem Gesetz in Konflikt.

    Warnung vor unseriösen Heilsversprechen

    Auch Professor Martin Schmidt aus Mannheim macht Eltern Mut. Selbst wenn sich ständig neue Fragen auftäten, die Störung sei gut untersucht. Er sei sicher: Eltern und ihre Erziehung seien nicht an der Unkonzentriertheit oder Hyperaktivität ihrer Kinder schuld. Er warnte davor, jeder neuen „Ideologie“ nachzulaufen. Es gebe zu viele unseriöse Heilversprechen. Dazu gehörten Diäten ohne Zucker, ohne Phosphate oder ohne Farbstoffe.

    Neben einer professionellen Psychotherapie empfahl er den Wirkstoff Methylphenidat, der hierzulande am häufigsten mit dem Medikament Ritalin in Verbindung gebracht wird. Nachdem Methylphenidat schon seit über 50 Jahren verschrieben werde, sei alles über Wirkung, mögliche Nebenwirkung und Spätfolgen bekannt.

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