Sandor versprach Eszter Geld, Kleider, ein schönes Leben. Die junge Ungarin ging mit ihm nach Deutschland und erlebte Zwangsprostitution, Schläge, Sklaverei. Die 18-Jährige landete über Menschenhändler in Augsburg. Von Holger Sabinsky

Von Holger Sabinsky
Augsburg/Ulm - Sandor versprach Eszter Geld, Kleider, ein schönes Leben. Die junge Ungarin ging mit ihm nach Deutschland und erlebte: Zwangsprostitution, Schläge mit dem Gürtel, Sklaverei. Die 18-Jährige ist eine der Hunderttausenden von Frauen, die meist aus Osteuropa stammen und in Westeuropa Opfer skrupelloser Menschenhändler und Zuhälter werden.
So sieht Eszters Leben in Deutschland aus: Sandor schickt sie in ein Augsburger Bordell, das sich "FKK Sauna Club" nennt. Es ist eines der größten seiner Art in Süddeutschland. 13-Stunden-Tage ohne Pause sind keine Ausnahme, sieben Tage die Woche. Die jungen Frauen müssen ständig nackt durchs Bordell laufen - außer mittwochs, da ist "Dessous-Tag".
Eszter muss bis zu 75 Euro bezahlen - ein zynisches "Eintrittsgeld" zur Zwangsprostitution. Sie ist praktisch eingesperrt, Sandor überwacht sie. Das Geld, das sie verdient - 50 Euro pro Geschlechtsakt - muss sie fast komplett bei Sandor abliefern. An manchen Tagen sind es bis zu 1100 Euro. Sandor finanziert damit teure Klamotten, Schmuck und Tuning-Teile für seinen 5er BMW.
Bald reicht Sandor der Verdienst nicht mehr. Er zwingt Eszter in ein Ulmer Großbordell und von dort nach Kufstein, nach Belgien und wieder nach Augsburg. Kriegt Sandor nicht genug Geld, packt er den Gürtel aus und verprügelt Eszter.
Der Club lockt mit Luxus-Ambiente und sauberem Schein, doch hinter den Kulissen regiert offenbar Gewalt. Ein großes Geschäft im Verborgenen. Einblicke gibt es nur, wenn solche Fälle vor Gericht kommen. Sandor, der 21 Jahre alte Ungar mit den großen dunklen Augen, saß im Dezember 2007 vor dem Augsburger Landgericht - vor der Jugendkammer, weil er noch als Heranwachsender galt.
Die Vorsitzende Richterin Dagmar Conrad sprach eine relativ milde Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten aus, weil Sandor die Vorwürfe einräumte: Zuhälterei, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung und gefährliche Körperverletzung. Seine Mutter weinte im Gerichtssaal, sie streichelte ihrem Sohn die Wangen, als sie mit ihm sprechen durfte.
Die Geschichte von Sandor und Eszter ist exemplarisch für das Problem mit Menschenhandel und Zwangsprostitution. Die Muster gleichen sich. "Die Opfer können kein Deutsch, sind einfach strukturiert und hilflos", sagt Staatsanwalt Lars Baumann. Häufig würden in Osteuropa gezielt junge Frauen um die 20 von der Straße aufgelesen oder aus Heimen geholt.
Doch Menschenhandel und Zwangsprostitution sind in Deutschland schwer nachzuweisen. Eine Ursache ist die Reform des Prostitutionsgesetzes von 2001, nach der Prostitution nicht mehr als "sittenwidrig" gilt und darum auch die "Förderung von Prostitution" (durch Zuhälter und Bordellbesitzer) nicht mehr strafbar ist.
Was zum Schutz der Frauen gedacht war, schützt in der Realität oft die Zuhälter. Im Augsburger Fall haben die Ermittler Erfolg. Die Polizei mischte den "Club" im vergangenen Jahr bei einer Razzia auf. Eszter sagte beim Ermittlungsrichter aus. Der junge Sandor gehörte zu einer Bande von mindestens sechs Leuten. Seinen Komplizen wird seit dem 3. April der Prozess gemacht.
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