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17. November 2009 19:30 Uhr

Bildungsstreik

Studentendemos: "Bildung krepiert, weil Dummheit regiert!"

In München und Augsburg gingen Tausende Schüler und Studenten auf die Straße. Mit ihren Demos wollen sie auf die vielen Baustellen im deutschen Bildungssystem aufmerksam machen. Von Katharina Gaugenrieder und Nadine Pflaum

Studenten bei einem Protestmarsch in München.
Foto: DPA

München/Augsburg - Kristofer Herbers sieht müde aus: Er hat dunkle Augenringe und seine Haare sind verstrubbelt. Kein Wunder: Seit vergangenem Mittwoch ist der Boden des Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sein Kissen. Der Saal ist von Studenten besetzt, Vorlesungen finden nicht mehr statt. Stattdessen schläft der 22-jährige Kristofer mit 100 anderen dort und geht nur ab und zu zum Duschen heim.

Am Dienstag gab es Unterstützung. 7000 Studenten und Schüler sind zur Auftaktveranstaltung des Bildungsstreiks vor der Uni gekommen, um ihrem Ärger über das Bildungssystem Luft zu machen. "Bildung krepiert, weil Dummheit regiert", schallt es über den Platz.

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Viele Schüler haben sich aus Protest Masken von Kultusminister Ludwig Spaenle auf den Hinterkopf geklebt, manche tragen einen Strichcode "Humankapital Nr. 12435" auf der Stirn. Und sogar Edvard Munchs Bild "Schrei" grämt sich in einer Abwandlung über 500 Euro Studiengebühren. Landesastensprecher Malte Pennekamp bekommt viel Applaus, als er fordert, gemeinsam gegen die vielen Baustellen des Bildungssystems ankämpfen zu müssen. Dann rollt die Bildungsdemonstration los, einmal quer durch Schwabing.

Im Audimax geht es ruhig zu. Die meisten sind draußen auf der Demonstration. Normalerweise quälen sich hier Hunderte Studenten durch die Methoden der Sozialforschung. Jetzt liegen riesige Rollen Toilettenpapier und schlafende Studenten auf den Bänken, die Empore ist voll von Schlafsäcken und Isomatten. Eine Mischung aus Tütensuppen- und Kaffeeduft zieht durch den Raum. An den Wänden hängen Transparente: "Lieber Weihnachtsmann, mach, dass ich studieren kann."

"Hier geht es nicht darum, Party zu machen", sagt Politikstudent Kristofer. Sondern darum, etwas zu bewegen. "Gestern Morgen haben um 7.30 Uhr 200 Leute mit Beamer-Präsentation und Redeleitung Inhalte diskutiert", berichtet er am Dienstag. Im Lichthof klären Plakate über den Zustand der belagerten Unis auf. Turin: besetzt. Göttingen: besetzt. Potsdam: besetzt. Münster und Essen: geräumt.

Eine geräumte Uni - das ist auch die Hoffnung von Steffi Albrecht, als sie in den Audimax schaut. Sie studiert Wirtschaftspädagogik, alle ihre Vorlesungen finden dort statt. Seit Mittwoch nicht mehr. "Jetzt müssen wir alles selbst nachlernen", klagt die Erstsemesterin. Auch sie kritisiert das Bildungssystem, findet die Forderungen ihrer Kommilitonen allerdings "naiv": "In den Wirtschaftspädagogik-Vorlesungen sitzen die Studenten jetzt schon auf den Treppen. Wie soll das dann erst ohne Studiengebühren gehen?", fragt Steffi.

Dass Leute während der Vorlesung auf dem Boden sitzen müssen, das kennt auch Elisabeth Gehlert. "In meinen Seminaren drängen sich oft 80 Leute in einem Raum, der für 30 ausgelegt ist", sagt die junge Frau, die in Augsburg Sprachwissenschaften studiert. Damit sich da endlich etwas ändert, hat sie sich am Dienstagmorgen in die Menge der Augsburger Demonstranten eingereiht.

Genau wie Lehramtsstudentin Julia Mielich. Ihr stößt vor allem die Umstellung auf Bachelor und Master sauer auf. "Am Ende des Semesters hat man bis zu 13 Prüfungen in zwei Wochen. Und dann soll man da auch noch gute Noten schreiben. Es macht einfach keinen Spaß mehr."

Damit Bildung wieder Spaß macht, gehen in Augsburg knapp 1000 Schüler und Studenten auf die Straße. Pfeifend und singend ziehen sie an Schulen vorbei, deren Türen zum Großteil abgeschlossen wurden, um zu verhindern, dass die Demonstranten ins Gebäude einfallen.

Trotzdem haben sich schon am Morgen einige Augsburger Schüler für Streik statt Pauken entschieden. Schließlich ginge es hier nicht nur um die Studenten. "Bei uns in der Klasse sitzen 33 Schüler und ständig fallen Stunden aus", sagt Elias. Er kann nicht verstehen, dass seine Lehrer nicht mit auf die Straße gehen.

Stattdessen droht ihm und seinen Schulkameraden jetzt womöglich ein Verweis für Schulschwänzen. "Aber wir wissen wenigstens, dass es für eine gute Sache ist", sagt die 16-jährige Maja. In München geht der Bildungsstreik ohne Verweise zu Ende. Täglich stimmt ein Plenum ab, ob die Besetzung des Audimax weitergehen soll. Und solange die Entscheidung Ja lautet, wird Kristofer Herbers sein Bett gegen den Boden der LMU tauschen.

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